Angus & Co. sind wie guter Single-Malt. Man weiß auch bei längerer Lagerung genau, wie's schmecken wird. Nach acht Jahren Reifezeit haben die Australier jetzt endlich das neue Album rausgemacht: AC/DC sind back mit "Black Ice" (Columbia/Sony BMG). Der "Rock 'n' Roll Train" ist schon seit geraumer Zeit auf Radio-Single-Spur und zieht auf Albumlänge weitere 14 Songs hinterher.Malcolm Young wirft die raue Rhythmusgitarre an, Phil Rudd taktet die Schießbude - und der Opener ist in Fahrt. Dieses Gespann läuft auch rund, wenn die treibenden Riffs und Cliff Williams' Bassläufe den mit unterdrückt-hochlagiger Stimme ins Mic gepressten Vocals von Brian Johnson Platz machen müssen. Zum mehrstimmigen Refrain finden alles zusammen. Damit die Sache auch in Schwung bleibt, feuert Angus Young auf seiner Gibson SG noch ein paar sweete Licks nach.
Und fertig ist der knochentrockene, selbstbewusst reduzierte Groove, nach dessen schlichtem Bauprinzip unzählige gute und noch bessere AC/DC-Nummern (von denen es übrigens mehr gibt als die fetenweise totgenudelten "Thunderstruck", "TNT", "Hells Bells" und "Highway To Hell"!) so sicher arbeiten wie ein Schweizer Uhrwerk. Mit ihrem 15. Studioalbum - dem ersten, seit "Stiff Upper Lip" Anfang 2000 Platz eins der deutschen Album-Charts belegt hat - konservieren AC/DC diesen zeitlosen Sound. Und zumindest zahlenmäßig sind die unverwüstlichen Hardrock-Ikonen abermals ganz obenauf.
Denn in Sachen Drive und Geschmeidigkeit kommt kaum eine Nummer an dem allenfalls Midtempo aufnehmenden "Rock 'n' Roll Train" vorbei - trotz aller Verspieltheit ausgeklügeltster Arrangements wie dem die Platte beschließenden Titelsong, "Big Jack", "War Machine", "Wheels" oder das blues-wurzelige "Decibel", die öfter als gewohnt dem sturen Rifferunterspielen entfliehen. Und obwohl sich die Young-Brüder wie selten gegenläufige Melodielinien in die Saiten spielen, kann Schlagzeuger Rudd im Grunde den Tempomat einstellen: AC/DC zünden dieser Tage keine "Heatseeker".
Und als müssten sie es sich mantrahaft vor Augen halten, dass ihre Mucke immer noch nach Männerschweiß riecht, beinhalten neben der Single-Auskopplung gleich drei weitere die Essenz ihres 35-jährigen Schaffens: "Rocking All The Way", "She Likes Rock 'n' Roll" und "Rock 'n' Roll Dream". Der bleibt nach dem Opener gleichfalls von einer Scheibe hängen, die weniger markant ist, als ihre Vorgänger "Ballbreaker" und "Stiff Upper Lip"; über allen anderen AC/DC-Alben liegt bereits der heilige Schein der Unantastbarkeit.
Aber sollte man statt zu stänkern nicht vielmehr fünf Duckwalks machen, dass diese alten Herren überhaupt nochmal Schiebermütze und Schulbubenuniform ins Studio getragen haben? We Salute You! Da müssen die Promille eben auch mal ohne Hochprozentiges zustande kommen.Labels: CD
Wie Metallicas Karriere wohl verlaufen wäre, wenn sie schon 1988 angekündigt hätten, dass das übersteuerte "And Justice For All" ihr letztes gutes Album für die nächsten 20 Jahre bleiben würde (sieht man mal von der Coverkiste "Garage Inc." ab)? Schwermetaler hatten jedenfalls ziemlich leichtes Spiel: Mit Besitzstandswahrung kam man zwei ganze Dekaden durch. Jetzt steht mit dem neunten Studioalbum "Death Magnetic" (Mercury/Universal) endlich wieder "Some Kind Of Monster" in den Läden.Mit dem Thrash-Metal-Sound, der sie unter Produzent Flemming Rasmussen wachsen ließ, hatte schon das "Black Album" nichts mehr zu tun; zwangsläufig hat man sich dennoch angefreundet mit den Mainstream-Rock-Tracks "Enter Sandman", "Sad But True", "Nothing Else Matters" und "Wherever I May Roam" - ging ja auch nicht anders bei der medialen Präsenz. Das Material, was dann '96 in "Load" abgefeuert wurde, war dagegen schon ein einziger Rohrkrepierer; aber nein, man musste sich beim Nachladen gleich nochmal die volle Ladung ins andere Knie schießen.
Dass man mit dem Symphonie-Rock-Symbiosen-Album "S&M" nur den eigenen Anspruch bedienen würde, hätten sich James Hetfield, Lars Ulrich und Kirk Hammett gleich ausrechnen können. Noch so ein Kunststück! Und nach der schallgedämmten, dumpf-stampfenden Klangkatastrophe, die Hausproduzent Bob Rock dann 2003 auf dem schier solilosen "St. Anger" abgemischt hat, ließen sich Metallica endgültig nur noch auf der Bühne anhören. Kein eben glücklicher Einstand für Jason-Newsted-Nachfolger Robert Trujillo, der jetzt aber zeigen darf, dass er der wahre Ersatz für den '86 tödlich verunglückten Basser Cliff Burton ist.
Besinnung. Schon der gute alte, zackige Bandschriftzug auf dem Cover weckt Vorfreude auf gerechtere Zeiten; der einsetzende Herzschlag beim Opener "That Was Just Your Life" taktet synchron mit der eigenen Blutpumpe. Und es kündigt sich im Intro wie schon bei "Battery" oder "Blackened" Großes an. Nach anderthalb Minuten schlagen endlich schwere, schnelle Kettensägenriffs und Double-Bass-Attacken um sich, abgehackt-treibender Gesang und zügelloses Solospiel soll folgen. Und weiter geht's im selben Stile mit den druckvollen "The End Of The Line", "Broken, Beat & Scarred" und niemals unter sechseinhalb Minuten. Da bleibt auch Zeit, um die ohnehin schon ausschweifenden Songstrukturen immer mal wieder aufzusprengen.
"The Day That Never Comes" kommt zu Beginn schon wieder daher wie eine dieser öd-eingängigen, balladesken Metallica-Hardrock-Nummern - reißt sich dann aber von allem los, um in einer druckvollen Jamsession verloren zu gehen. Und jetzt kommt's! "All Nightmare Long", eine klassikerverdächtige, einzig durch die melodische Hookline aufgebrochene, aggressive Trümmernummer, die ebenso gut der Hidden-Track auf "Ride The Lightning" hätte sein können. Dagegen bleibt das sich anschließende "Cyanide" geradezu konturenlos.
Das einzig echte Bekenntnis an die unschöne Vergangenheit ist "The Unforgiven III", das mit Piano und Streichern den dünnen Faden von schwarzem Album und "Re-Load" aufgreift und sich einzig durch einen aufbäumenden Zwischenteil rechtfertigt. Dann hat Hetfield Sendepause: "Suicide & Redemption" schielt ins tiefste Damals und auf die Instrumentals "The Call Of Ktulu" und "Orion", prescht aber acht Minuten lang zielstrebig dran vorbei. Egal, der diesmal von Rick Rubin arrangierte Sound klingt wieder breitwandig, fett, vollmundig; Metallica tun das Übrige und kloppen mit "The Judas Kiss" und "My Apocalypse" 76 teils furiose Minuten voll. Das mag (noch) nicht so elektrisierend sein wie einst in den 80ern. Aber unerwartet anziehend.Labels: CD
Gehört und gesehen werden will man als Musiker. Da nun aber zeitgemäße Ein-Mann-Kapellen mehr am Rechner schrauben und feilen, anstatt hinter der Werkbank Unmengen an Instrumentarium so zu verbasteln, dass sich der Korpus Musikus damit vor Publikum aufbauen kann, bleibt fürs Bühnenerlebnis am Ende doch nur der konventionelle Weg: Eine Band aus Fleisch und Blut muss her! Und so hat Dominik Reismann sein Soloprojekt A Boy's Tale zum neuen Vierer Kinetic Energy entfaltet."Dogsbody Days" (Eigenverlag) heißt das Karlsruher Rockpop-Debüt mit alten, aber neu arrangierten Songs, die zu beinah gleichen Teilen bereits über die zwei A Boy's Tale-Alben "Time 'til Twenty" und "It'll Soon Be Summer" verteilt waren. Und auch, wenn sich Reismann damit für sämtliche Ausgangskompositionen verantwortlich zeichnet - während der Sound dank Joachim Nagel (Keyboard), Viktor Kessler (Schlagzeug) und Sven Rink (Bass) von echten "Handlangern" erzeugt wird - muss er sich die Aufmerksamkeit fortan teilen.
Denn der Mann an den Tasten, der nach gelegentlichen Pianoparts beim letzten Solo-Album seine Finger jetzt überall und jederzeit im Spiel hat, ist mindestens ebenso auffällig wie der blondmähnige Frontmann. Die Gitarre verliert dafür gelegentlich etwas an Volume; Reismanns Präsenz konzentriert sich mehr auf seine kräftigen Stimmbänder, die zu Rock wie Pop gleichermaßen harmonisch schwingen.
Die neun auserwählten Songs behalten dabei ihren Grundcharakter: "Maybe You", "Wherever I Am", "Go Forward" oder "Come Back Time" trauern balladig; die Rockpopnummern "Happy", "Look At Me" und "Last Time" erklingen mit manchem Schnörkel noch frohgemuter; das hymnische "Call At Home" besticht mit zweistimmigem Gesang (dafür fehlen die auffrischenden Raps von Colossus MC) und der Opener "Addicted" bleibt krachige Ausnahme einer Zusammenstellung, die sich - und das ist das Wesentliche an diesem Debüt - jetzt auch endlich sehen lassen kann.Labels: CD
Der nächste Abschnitt ist wieder etwas überschaubarer ausgefallen. Eine Mischung aus neu und frisch aufbereitet ist Chaoze Ones aktuelles Minialbum (Twisted Chords/Broken Silence) geworden, das mit "Letztes Kapitel" als Titelsong unmittelbar zum "respectablen" Vorgänger "Fame" auf-, aber bestimmt nicht abschließt. Diese Story wird kein Ende haben. Aber es bleibt erstmal persönlich bevor's politisch werden darf.Neben der bekannten Fassung von "Letztes Kapitel" (auch als Video enthalten) gibt's die anklagende Pianonummer zwischen Resttrauer und Aufbruchsstimmung in der "Acoustic-Version" und die funktioniert auch ohne Beats. Von Frauen zu Freunden: Auch bei "Hey Schwungi 2008" kann's ob der Umstände (noch) nicht fröhlicher werden, wenn Chaoze dem ihm zu Lebzeiten Nahestehenden einen weiteren letzten Gruß sendet und ihm von den Ereignissen der vergangenen Monate berichtet.
Mit dem dritten Track wendet sich der Mannheimer MC dann gegen die Zustände im Lande und formuliert in "Imagine toi" gemeinsam mit Mal Élevé (Irie Révoltés), Lotta C und Deadly T von Anarchist Academy schöne "Stell dir vor"-Utopien, die bis "'Bundestag brenn' auf Platz eins der Ringtone-Charts" reichen. Ein wiederum bekanntes Stück ist "Ma voix" von der Rap-Crew Perspectives, dem Zusammenschluss von Irie Révoltés und Chaoze One, der das Statement gegen Gefangenschaft frisch abgemischt hat.
Bis jetzt wenig nicht Gekanntes, aber auch zwischen dem Debüt "Rapression" und dem Drittling "Fame" gab's mit "Koppstoff" eine solche Übergangsscheibe. Besitz wird trotzdem belohnt: Richtig zackig geht es nämlich mit "Revolte Tanzparkett" weiter. Das Göttinger Rogue Steady Orchestra featured eine flotte "Schurken-Ska"-Nummer auf die Gegenkultur. Und zwischen Balkan-Beats, fettem Bläsereinsatz und Reggae-Gitarren taucht Chaoze dann mit ungewohnt tiefer Ragga-Stimme empor.
Bei "Freiheit herrscht nicht" steht dagegen klar die Aussage im Vordergrund; wechselt sich der MC zu unaufdringlicher Taktung und sanft-monoton geschlagener Gitarre mit seiner Partnerin Lotta C am Mic ab. Schließlich verarbeiten Chaoze, 12 Finger Dan und Mal Élevé in einem disharmonisch-angeschrägten Melodielauf die Eindrücke von den Protesten beim G8-Gipfel 2007 in Heiligendamm ("G8 illegal"). Und beim letzten Satz der Scheibe dürfte dann auch klar sein, dass diese Widerstandsgeschichte trotz "Letztem Kapitel" ihre Fortsetzung finden wird.Labels: CD
"Deutschland vor, Odonkor, Neuville, Podolski, Asamoah. Hallo Immigrant, willkommen in unserem Land!" Zur EM-Schlachtenbummlernummer hat's für den Song um unseren Einwanderersturm nicht gereicht. Das Feld sei den Sportfreunden überlassen. Immerhin gibt's nach acht Jahren endlich wieder mal ein Götz-Widmann-Lied über Fußball und mit "Böäöäöäöäöä" (Ahuga/Alive) eine tolle Live-Scheibe für alle Alteingesessenen, die sich mit dem etwas verkannten, bandgestützten Vorgänger nicht so recht anfreunden wollten. Aussöhnung: Götz Widmann, wie man ihn (wieder) lieb haben muss.Auf seiner mittlerweile fünften Solo-CD macht der Bonner Liedermacher zum zweiten Mal auf "Drogen", spielt seine (diesmal ausschließlich neuen!) Songs live, alle aufgenommen bei der zurückliegenden Tour. Und er fängt dabei das ein, was den Freigeist auf der Bühne (auch) so besonders macht: Seine Spontanität. Zurufe aus dem Publikum kontert Widmann mit einem Lacher aus dem Ärmel. Seine Konzerte sind heitere Anekdotenrunden in Wort (hier dokumentiert durch gleich fünf Liedansagen mit Stand-Up-Comedian-Qualitäten) und Gitarre, quittiert von Gejohle und Geschrei.
Die Musik bleibt aber freilich Hauptsache und schon beim ersten Stück ist klar, dass wieder gut ist mit dem Schmusekurs: "Böäöäöäöäöä" röhrt er in bester "Dispo"-Manier, da schlägt einem der Lebensfrust aus den Stahlsaiten entgegen, um der Lust frischen Boden zu bereiten. Das "Kornfeld und der Wind" und "Die traurige Königin" heißen die ruhigeren Stücke für glücklich wie unglücklich Verliebte, aber unbekümmerte Heiterkeit herrscht vor: Man ist "Unfreiwillig nackt im Web" und zupfend besingt Widmann den genetischen Fortschritt: "Die dritte Hand", eine Nummer zehrend von Ideenreichtum, schrägen Phantasien und Pointen, die einem gleich mehrfach ein verschmitztes Lächeln ins Gesicht zaubern.
Er erzählt Geschichten aus 15 Jahren Tour; vom ungereinigten Dasein eines "Kleinen Bühnenmikrofons" etwa (jetzt weiß auch der unbedarfte Laie, was ein Shure SM58 ist), dazu gibt's neue Wahrheiten über Traumfrauen (die im Idealfall dem Gegenteil der französischen Feministin "Simone de Beauvoir" gleichkommen) und Widmann widmet seinem Liedermacherkollegen und "Lieblingsmonster" Rüdiger Bierhorst aus Berlin sein erstes Liebeslied mit männlichem Adressaten.
Die musikalisch anspruchsvollste und vielschichtigste Nummer ist die Hippiehymne "Ich durfte leben ohne Soldat gewesen zu sein". Der Gitarrero holt aus der Leise-laut-Bandbreite seines Instruments raus, was geht und nach den Kriegsdienstverweigerern darf sich ein anderer fürs kollektive Glück immanent wichtiger Personenkreis in "Wie ich eine Frau war"-Höhenlagen loben lassen: die "Fahrer". Dem Dichter im Denker gebührt das letzte Wort und der konterkariert zweizeilig reimend das Unwort der "Klimakatastrophe": "Lebensabend unter Palmen, Leute lasst den Schornstein qualmen! CO2 - ich bin dabei." Weil schöne Aussichten nicht zwingend etwas mit Jogis Jungs zu tun haben müssen...Labels: CD
Mit dem modernen Atlantis, der dem Untergang geweihten Nordseeinsel, betiteln Kettcar also ihre dritte Platte. Und auf "Sylt" (Grand Hotel van Cleef/Indigo) steht der Typ vom Balkon gegenüber plötzlich ganz alleine da: Keine aufmunternden Worte, wenig Wohltuendes, schon gar kein Überschwang. Kettcar drehen den Spieß."Befindlichkeitsfixiert" - wie zu Anfang noch im Taxi weinend besungen - ist da nix mehr. "Wer auf Hochgefühl steht, muss bis auf weiteres Fahrstuhl fahren", wie es ein Kritiker so anschaulich konstatierte. Aber was bitte hätte denn da auch noch groß kommen sollen - nach Seelenschmeichlern wie "48 Stunden" und "Balu"? Es herrscht ein ungewohnt raues Klima, denn Kettcar wagen den Perspektivwechsel: Der Fokus verschiebt sich, aus dem Drinnen wird (wieder) Draufsicht.
Was "Sylt" bei vergleichsweise wenigen Ein-Satz-Weisheiten und dafür viel Kryptischem ("Die Bedeutung zahlt hier immer der Empfänger", wissen wir ja) bleibt, ist die wogende Bilderflut. Durchs "Graceland" feiern sich die Anfangsvierziger aus Hamburg ins neue Album; die "Arroganz als beste Waffe"-Party ist immer noch im vollen Gange, nur die Gäste sind ein bisschen älter, tun aber anders. Also ersäufen Kettcar mit der eingängigsten Nummer den grassierenden Jugendwahn ("Graceland, Baby, man ist tot oder jung") und spülen ohne sich selbst auszusparen majestätische Rock'n'Roll-Mythen auch gleich mit runter ("Und ich weiß, weiß, weiß, der King ist der König, nur die tote Idee ist am Ende zu wenig. Elvis Has Left The Kartenhaus").
Dann kommen die richtig bitteren Oden an die Geknickten und Gebrochenen; den gescheiterten Heimkehrer ins Hotel Mama ("Würde"), "Geringfügig, befristet, raus" ist schon deutlich genug, "Verraten" trauert ein Sitzengelassener, "Wir müssen das nicht tun", ein anderer nach dem "miesen Ende" der langjährigen Beziehung, sagt statt "Freunde bleiben" "leise fick dich". Und wenn sich (der diesmal auch akustisch öfter schwer zu verstehende) Marcus Wiebusch mit Gastsänger Niels Frevert in aller Deutlichkeit "Am Tisch" trifft, ist lange klar, dass Statusdenken und andere Gegensätze auch die Männerfreundschaft spätestens übermorgen zerstört haben werden.
Die bemitleidenswerten Protagonisten der Songs sind dabei ebenso zerrissen wie der musikalische Tenor, der bis zur Hüftschwung-Sabotage reicht. Bei gleich drei Produzenten (Tobias Siebert, Moses Schneider und Swen Meyer) auch weniger Wunder. Da zieht plötzlich dichter Electro-Smog auf ("Fake For Real"); andernorts breiten sich nur noch undefinierbare Grauschleier über einem Kettcar-Himmel aus, der zuvor mal Licht, mal Schatten durchdringen ließ.
Nüchtern betrachtet sind es aber einfach nur noch realistischere Ansichten, verpackt in teils bitterste Geschichten über Menschen, die den Anforderungen des neoliberalen Zeitgeistes nicht mehr gewachsen sind. "Agnostik für Anfänger" von Fortgeschrittenen. Warum ausgerechnet eine derart erfolgreiche Band wie Kettcar monothematisch über Looser singt? Vielleicht ja, weil mittlerweile ein jeder meint, sich auf sein Herz berufen zu können.
Vielleicht. Irgendwie sind die (einstmals so politischen) Bandmitglieder um Sänger Wiebusch und Schlagzeuger Frank Tirado-Rosales aber selbst Teil des linken Grundkonflikts, dieser Tage keine schöne Utopie mehr formuliert zu bekommen. War ja schon mal da: "Die Ideale, die sind alle geblieben; nur der Idealismus, der ist weg."
Und bei "Wir werden nie enttäuscht werden", dem (jetzt auch musikalischen) Aufbrecher in die harte Anfangs-90er-But-Alive-Zeit, bauen Kettcar dann den letzten Rest Sylt-Strand ab und bekräftigen im Akkord Satzfetzen schippend nochmals die tröstlichste Botschaft des Albums, dass es sich mit Lügen leben lässt. Dass wir irgendwann sowieso alle - ob mit oder ohne Selbstbeschiss - den Kürzeren ziehen, haben wir ja schon seit der zweiten Nummer gewusst: Denn "am Ende steht immer die Null. Und was wir dafür halten." Na also Kettcar... Geht doch noch!Labels: CD
Lesen lassen. Denn Hörbücher liegen im Trend. Das weiß auch die Literarische Gesellschaft um Leiter Hansgeorg Schmidt-Bergmann und hat jüngst die Folge 3 ihres Tonkabinetts "Neue Literatur vom Oberrhein" (Info Verlag/Lindemanns Bibliothek Band 45), aufgenommen im Karlsruher Prinz-Max-Palais, als Jahresgabe 2008 herausgebracht. 13 Originalmitschnitte gibt's zu hören, darunter Silke Scheuermann, der vielgepriesene Star der jüngeren Literaturszene, die an zweiter Stelle vertreten ist und mit "Die Stunde zwischen Hund und Wolf" und leicht ironischem Unterton eine Autofahrt an Seite ihrer sturztrunkenen Schwester schildert. Einführen ins "Ehrenwerte Haus" darf aber der literaturstudierte Musik-Kabarettist Gunzi Heil mit flinken Klavierfingern. Und ihm sind in seinen Versen weder die Literaturstadt Karlsruhe, die so wichtig ist, dass Goethe hier 'ne Nacht verbrachte, der "kleine fette Viktor Joseph Scheffel", noch Hebels unschwedischer Schreibtisch heilig. Ein neckisches Tässchen Literaturcafé - aber bitte mit Sahne!
Oder Markus Orths, der "Das Lehrerzimmer" mit seinem Studienassessor Kranich und hämischer Alltagstragik füllt, dass man gottfroh ist, einen anderen Beruf ergriffen zu haben. Leseproben von Anja Kümmel ("Das weiße Korsett"), Jagoda Marinic ("Russische Bücher"), oder Nina Jäckle ("Man geht das Zimmer ab") - die Auswahl der literarischen Gattungen reicht im Laufe der etwa 75 Minuten bis zur beklemmenden Zukunftsvision (Joachim Zelter - "Schule der Arbeitslosen").
Genauer hinhören können muss man beim Beitrag von Ulf Stolterfoht ("Drei Gedichte"); auch die verrenkende Sprachakrobatik von Christoph Köhler ("Kontingentierung") ist nicht unbedingt etwas für eine entspannte Autofahrt und ganz aufgeregt hält's auch das Karlsruher "Komedy-Kabarett"-Duo Rastetter & Wacker, die mit höherem Blödsinn erst völlig "Völlig Dada!" gehen, um sich gen Ende dem Dadaisten Kurt Schwitters folgend doch noch poetisch "An Anna Blume" wenden.
Schreiben können sie alle, vortragen nun nicht unbedingt. Stundenlang zuhören möchte man aber Martin Gülichs morbider Erzählung "Die Umarmung" und natürlich Kai Wayand, der mit sonorer Stimme das kräftige Stimmungsbild eines trostlosen Vorweihnachtsabends aufziehen lässt ("Rhythm And Blues"). Zwischen vier und acht Minuten bekommt ein Beitrag; und wenn diese Zeit verstrichen ist, rächt sich schließlich doch noch die Bequemlichkeit, nicht selbst zum Buch gegriffen zu haben.Labels: CD
Eine Totgeburt legt sich eigentlich keiner gerne ins Nest. Die sieben Ettlinger AKa Frontage haben ihren Bastard trotzdem Crossover getauft. Abgesegnet, weil ganz eigen geraten und auf "Mikado Imperial" (Eigenvertrieb) entlocken sie dem "Auf Augenhöhe"-Nachfolger nochmals neue Betonungen: Reggae, Jazz oder funky Versätze mischen sich akzentfrei unter 14 Tracks, denen nur noch der Sprechgesang gemeinsam ist.Sogar Techno-Beats sind diesmal kein Tabu ("Let's Dance"). Bandstilprägend für ihre Art von Crossover, der nur selten (dann aber satt: "Nach langer Zeit", "Zeillos") so rüde und ungehobelt klingt wie bei den Umkreiskollegen Rough Lingo, ist neben dem A-Saiter das E-Piano von Christian "Didi" Dittrich. Es verschafft sich immer mehr Klangraum, veredelt dominant und dominanter dünner Instrumentiertes.
Im "Zwischenbericht" etwa lassen AKa Frontage über knapp sieben Minuten ihren Werdegang weit vor der offiziellen Gründung im Dezember 2002 bis zum aktuellen Drittling im Sprechgesang Revue passieren; und das von einer rhythmischen Dramaturgie getragen, dass man die Formation förmlich wachsen hören kann. Das Tastenspiel verpasst selbst den Metal-Preschern die letzte Dosis kichernden Wahnsinns ("Epinephrin"), wenn Frontmann Jan "Kilemo" Lechner und Shouter Johannes "Joeker" von Freydorf die rasende Bestie aus den Boxen lassen.
"Das Beste" ist noch so eine der gesonderten Erwähnung werte Nummer: Wieder unverzerrte, dafür auch mal gezupfte Gitarren, weisen den Blick in die richtige Richtung; lehren, dass jedes Leben irgendwann einmal eines der härtesten sein kann, aber eben nicht bleiben muss ("Es geht mal hoch, mal runter, doch im Endeffekt war was du verloren hast nur das Beste bis jetzt"). AKa Frontage jedenfalls scheinen's wieder gefunden zu haben - wie die funky "Freundin" schließen lässt.
Gegen Schluss gehen's die "Besten im Südwesten" (vierter Platz beim "Emergenza"-Deutschlandfinale 2004) entspannt freundeskreisig an, spielen "King Contento" vom "Traum à 7"-Debüt in der 2008-Remix-Fassung. Und wenn bei "AKF Industries" Stefan "Tximi" Heger mit seiner Akustikklampfe abgeht, die elektrischen Xylophon-Klöppel zirkuszelttaktend eine Hammer-Hookline einläuten, augenzwinkernd nach Weltherrschaft gegriffen wird, dann bewegt sich diese Nachgeburt endgültig weit über Augenhöhe.Labels: CD
Ein Eläkeläiset-Konzert auf die Tonspur zu beschränken, ist irgendwie ein bisschen so, wie Pornoschauen ohne Bild. Aber Schnaps drauf und Schwamm drüber, denn mit ihrem Live-Album "Humppakonsertto" (Humppa Records/Stupido Records/Indigo) konzentrieren die Finnen-Spinner zum zweiten Mal auf CD, was sie am besten können: nachspielen außerhalb steriler Aufnahmekammern.Fast kein Pop- und Rockmusiker, der in den zurückliegenden 15 Jahren seine großen Kompositionen noch nicht im (schnellen) Humppa- oder (langsamen) Jenkka-Stil wiedergekäut bekommen hat. Der "Humppakonsertto"-Opener "Poro" entpuppt sich denn auch gleich als ein Versatzstück aus Kraftwerks "Roboter", dann hauen die vier Rentner endlich richtig in Saiten und Tasten.
Die nachfolgenden 21 Zweivierteltakt-Tracks sind eine gute Wahl zwischen wenigen frühen Hits ("Humpataan ja tanssataan" alias "Rock And Roll" von Led Zeppelin) und vielen Versionen vom Vorgänger "Humppasirkus", wo man 2006 der Cardigans' "My Favorite Game" ("Hävisin lotossa taas"), Cameos "Word Up" ("Haumppa Raikaa"), "Like A Virgin" von Madonna ("Humppaneitsyt"), Children Of Bodom ("Hate Me!"/"Vihaan Humppa"), Buzzcocks ("Harmony In My Head"/"Viinaa hanuristille") und "Idiot Walk" von den Hives ("Humppaidiootti") in der Polka-Manege Männchen machen ließ.
Wer sich nicht sicher ist, wirft einen Blick ins Digipak und stellt fest, dass es die Sängesbrüder Onni Varis (Keyboard), Lassi Kinnunen (Akkordeon), Martti Varis (Bass), Petteri Halonen (Gitarre) und Kristian Voutilainen (Schlagzeug) mit den Copyright-Angaben nicht ganz so genau genommen haben; einige Künstler fehlen, andere sind trotz anständiger Würdigung gar nicht auf der CD zu finden.
Das erhöht den Ratespaß, denn wir erwarten noch Weezers Windows-95-Song "Buddy Holly" ("Puliukkohumppa"), "Domino Dancing" von den Pet Shop Boys ("Päivätanssit"), den auf dem Album "Pahvische" veröffentlichten Maiden-Klassiker "Run To The Hills" ("Ranttalihumppa"), Him ("Join Me"/"Humppasonni"), The Sounds mit "Living In America" ("Humppaa Suomesta") oder Bon Jovis "Livin' On A Prayer" ("Elän Humpalla").
Ausklingen dürfen die 75 Minuten "Humppakonsertto" mit einem wahnwitzigen Medley, das Judas Priests "Breaking The Law" ("Humppalaki") um 2 Unlimiteds 90er-Dancefloor-Hit "No Limits" ("Humppaa tai kuole") mantelt. Das Zwischengeplänkel gibt's im O-Ton, wir verstehen bei den Ansagen freilich nur Humppa und trotz Hörbuchporno hat sich bei diesem Zusammenschnitt von vier verschiedenen Heimat-Auftritten das gute Gefühl breit gemacht, vielleicht doch irgendwie dabei gewesen zu sein.Labels: CD
Für einen sauberen Blow Job ist dieser Sechser aus Pforzheim seit dem gleichnamigen 2004er-Debüt immer zu haben. Mit ihrer zweiten EP "Trompetenpunk" haben sie ihrem Sound denn auch gleich ein treffendes Label verpasst; seither stets dankbar aufgegriffen, wenn Yakuzi Thema ist. Das Drittwerk "Thin Red Line" (Rookie Records/Cargo Records) zementiert mit fetzigen Bläserlinien den beschrittenen Weg: Die quirligen Goldstädter setzen sich weiter ab. Zu Beginn dürfen erstmal Oli Dieterle und Andy Thomas bei "7 Minutes Cash Flow", kräftig in die Saiten langen. Ein schmissiger Punkrocksong britischer Prägung mit noch vergleichsweise dezentem Bläsereinsatz, der beim sich anschließenden "Legions Of The Ostracized" schon präsenter wird. Die von Matthias Hefner und Thomas Gärtner geblasenen Posaunen- und Trompetenparts mischen sich leicht und locker über alle 14 Tracks. Dass die auch nach mehrmaligem Hören ihren Reiz behalten, liegt an den zahlreichen kontrastierenden Tempowechseln, die zwischen durchweg eingängigen Gitarrenriffs auch ruhigeren, weniger dicht instrumentierten Passagen Platz einräumen.
Das kann wie bei "How Dare You" auch mal ganz vorne anstehen, wenn das Piano dezent eine flotte Abgehnummer einführen darf - bei der dann endlich auch die Bläser das Lungenvolumen austesten. So richtig klassisch zum Einsatz kommen die Blechinstrumente bei "Caramba Joder". Dass musikalische Spanischkenntnisse vorhanden sind, haben wir schon zum Ausklang des passablen Vorgängers "One To All!" vernommen; und die aktuellen Latinosound geschwängerten Ausflüge bringen weitere Würze in ein Album, das sogar Swing ("TV Rabbit On Cocaine") und Western-Klänge ("Last Shot") stilecht beherrscht. Ska wird dabei allenfalls noch gestreift.
Wo bisher Bands wie die Mad Caddies oder Nofx als Referenz herhalten mussten, erweitern Rocket From The Crypt oder Snuff die Vergleichsliste - und werden "Thin Red Line" doch nicht gerecht. Das kratzig-spitze Organ von Sänger Oli Dieterle ist (wenn auch jenem von Fat Mike Burkett nicht unähnlich) die letzte ganz persönliche Note einer Punk-Kapelle, die sich fern von Offbeat-Orgien auch dank gereifter, weil kritischer Textarbeit einen neuen Höhepunkt erspielt hat; und diesen Blow Job muss man dem exzellenten Ruf von Yakuzi folgend auch live genießen. Wir kommen. Unter Garantie.Labels: CD
Ein-Mann-Kapellen haben von sich aus schon mal gewissen Schauwert. Wie Dominik Reismann, Kopf und Name hinter dem Solo-Rock-Projekt A Boy's Tale allerdings zugleich seine E-Klampfe bearbeitet, während er an der anderen Hand Synthi-Drums und mehrstimmigen Gesang via Laptop anweist, wäre denn wohl mehr Karikatur eines Schaffens, das in erster Linie gehört werden will."Time 'til Twenty" hieß 2006 das Solo-Rock-Debüt, Alliteration und Resümee auf einen Lebensabschnitt gleichermaßen, "It'll Soon Be Summer" ist die aktuelle Fortsetzung der Eigenproduktion. Und los geht's, wie es im besten Falle schließen sollte; mit einer songgefassten Überblende vom Happy End zum Abspann. "Call At Home", bekannt von der KSC-Stadionplaylist, ist eine von diesen definitiven Gute-Laune-Schlaggitarren-Nummern, die ganz laut "Ja!" schreien, sich aber nicht so recht entscheiden wollen, ob sie lieber Pop oder eher Rock sein möchten. Eine ohrwurmige Ungewissheit, der Rapper Colossus MC, Gewinner des "Fest"-Rap-Battle, mit seinen deutschen Reimen den Rest Hit verpasst.
Verschmust setzen wir denn über nach "Hawaii", schnitzen mit "Wherever I Am" nochmals ein kitschiges Herz in die Palmen, bevor es beim Piano-gestützten "Go Forward" wieder richtig gut werden darf. Dazu holt sich Reismann zweihändige Hilfe beim alten Schulfreund Joachim Nagel. In Balladen verschiffte Alltagsprobleme haben's ihm angetan; und uns "The Boat Called Life". Weitermachen! Das ist auch hier die schlichte Message eines tollen Tracks, der vom ruhigen Gewässer in einen Gitarrensturm schippert. Und dann klärt's auf.
So funktioniert auch "Forgotten", das anfangs noch eine Ladung Depeche Mode an Bord nimmt, bis es nur noch so elektroblitzt. Ganz selten wird Reismann belanglos balladig; und wenn doch, dann hat er seine Songs nicht nur wieder vielschichtig komponiert und arrangiert, sondern auch intelligent platziert: Auf "Ocean And Sky" folgt knalliger Rock und schon sind wir wieder "Addicted" nach einem Album, das in Sachen Songwriting, Melodien, Rhythmuswecheln, über die satte Rockstimme bis zum nötigen Bombast außergewöhnlich ist.
Derzeit ruht das Solo-Projekt aus Silent-K. Dominik Reismann, Keyboarder Joachim Nagel, Viktor Kessler (Schlagzeug) und Sven Rink (Bass) bilden seit kurzem die neue Formation Kinetic Energy. Denn gerade als Musiker will man sich eben auch mal sehen lassen.Labels: CD
Crossover? Schon lange nicht mehr in den Mund genommen, diese etwas unsaubere Betitelung für die massentaugliche Hardcore-Welle, und doch so gerne gehört Mitte der 90er. Das Querbeet gibt's nach wie vor; heute klingen die Body Counts und Dog Eat Dogs nur noch nach Nu Metal und Linkin Park, einzig Rage Against spielen wieder außer Konkurrenz, die H-Blockx machen auf Gradeaus-Rock und Such A Surge Schluss. Rough Lingo dagegen stehen am Anfang.In Karlsruhe ist die Gruppe um Basserin Ines "Inez" Vogel dennoch keine Unbekannte mehr, schließlich stand man bereits 2005 als Newcomer-Sieger auf der "Fest"-Hauptbühne. Dass diese regionale Beschränkung nicht von Dauer sein wird, zeigt ihr erster Longplayer "Freund oder Feind?", mit dem der Fünfer eigenverlegt dem Battle-Rap das Bangen lehrt.
Gemessen an den Reimen von MC Hace alias Patrick Fürniß könnte man meinen, Rough Lingo seien bereits die Größten. Der schimpft, ja wütet beim eröffnenden "Nummer 1" und dann über zwölf weitere mit derbem Vulgär-Slang ins Mic, dass die guten Kinderstuben besser dicht und Feinde die Fliege machen. Wer sich sonst die Watschn fängt? Es bleibt (noch) beim Diss gegen Unbekannt, die Gegner sind aber wohl so stark, dass mehr als ein Track her muss, um sie einzuschüchtern.
"Bist du mein Freund oder Feind Alter? Mach deinen Status klar!", zuckt's zackig in deutschen Staccato-Zeilen, und wo Fürniß von "Murder-Riffs" rappt, da bekommt er sie auch; wie beim angesprochenen "Film", aber auch "Yes Mann" und "Zu viel" ragen nicht nur diesbezüglich aus einem Erstling heraus, der erstklassig an die Hypezeit des Hardcore andockt. Die rohe Kost verzieren verspielte Gitarrenparts von Oliver Paul und Felix Mußler, die mit ihren astreinen Sololäufen (mal mit Wah-Wah-Pedal verspult und oft die bewusst gerissenen Löcher in der Verzerrerwand stopfend) Monotonie nicht im Ansatz aufkommen lassen. Rough Lingo schicken den Tracks eine fortwährende Ungewissheit voraus.
Das geht dann auch mal am Stück: "Jeden Tag" ist die (softe) Überraschungsnummer des Albums, eine (musikalisch) wunderschöne und eingängige, dazu grundehrliche (textlich) Erklärung an die gescheiterte Jugendliebe ("Du warst grad am Abi und ich kein Lehrer für dich"); vorgebracht vom Assi-Freund ("der die Piratenflagge verehrt") an seine Mrs. City ("die gern in adligen Kreisen verkehrt").
Danach wird wieder in jeder Hinsicht kräftig gekonnt ausgeteilt und beim letzten Track auch endlich aufgelöst: "An alle" geht's. Mit den harten, aber klaren Worten, die schon im Bandnamen versprochen werden, kann man sich auf Anhieb anfreunden. Die thematische Einseitigkeit der Texte erschöpft sich nur leider in überschaubarer Zeit. In allen anderen Belangen haben sich Rough Lingo mit diesem Debüt und krachigem (in alter Verbundenheit nennen wir's auch weiterhin) Crossover-Sound aber ganz eindeutig positioniert: "Check den Shit!"Labels: CD
Unabhängig sein ist toll, aber sicher nicht immer angenehm. Schon gar nicht als Plattenlabel, und allein die Bezeichnung Major hat ja dagegen schon etwas sehr Bedrohliches. Schön, wenn dann einer aus der Independent-Ecke Grund zu feiern hat. Aber was heißt hier irgendeiner!Seit ihrer Gründung im Jahr 2002 hat Tapete Records - in Persona Gunther Buskies und Dirk Darmstaedter - 100 Veröffentlichungen auf ihrem Spielzeug vorzuweisen, das so neu gar nicht mehr ist. Zeit also für des Indie-Labels "Best Of The Best"-Zwischenbilanz: "Tapete 100" (Tapete Records/Indigo). Konzentrierte man sich in den Anfangstagen auf Deutschpop-Bands im Erdmöbel-Stil, betreut das Label seit 2005 auch Gruppen aus den Staaten, Kanada oder Skandinavien, wie etwa die Schweden The Horror The Horror.
Und die Indie-Pop-Rocker aus Stockholm eröffnen die große Labelparty über zwei proppevolle Scheiben mit "Sound Of Sirens". So mögen's musikalisch gesehen auch die Freiburger Geschmeido beim Track "Möven (als Deko)". Die teilten sich mit den (als eine der ganz wenigen) zwischenzeitlich abgewanderten Tele ihren Schlagzeuger, der folglich auch bei "Now Now Now" die Felle streichelt.
Samba ("Küss mich für immer"), Wolke ("Wir sind da"), Niels Frevert ("Seltsam öffne mich"), etwas elektronischer Kai-Uwe Kolkhorst ("Einzelkämpfer") und eben Erdmöbel ("Für die nicht wissen wie") - damit ist die neudeutsche Indie-Pop-Einrichtung auf Tapete denn auch fast vollständig. Nur einer fehlt noch...
Genau und hallo - wer kennt hier eigentlich Anajo nicht? Das klasse Gitarrenpo-Trio aus Augsburg klebt mit "Streuner" die letzte Wand. Die paar Bahnen mit unaufgeregtem Muster zieren schließlich der traurige Salim Nourallah ("Montreal"), The Elephants aus Dänemark ("Obvious"), Maplewood ("Morning Star"), Tess Wileys fragiles "Raise Your Hand" oder "Who Left The Lights On?" von Josh Ottum und natürlich Labelchef Dirk Darmstaedter mit "We Are The Waves".
Zu dieser wirklich gut aussortieren Werkschau gibt's auf der Bonus-CD Coverversionen von Tapete-Bands, die Tapete-Bands covern: Missouri klingen nach Crash Tokio, Downpilot aus Seattle nach Hamburgs Niels Frevert und Hidalgo schweben auf Wolke.
Mit diesem Interieur, das übrigens ganz logisch zu Ende gedacht die Katalognummer "tr100" tragen muss, trotzt also eine weitere Hamburger Musikfirma dem (Ramsch-)Sortiment von Sony, Universal, EMI und Warner. Schön. Aber noch angenehmer ist doch, einmal herzlich ungezwungen "Glückwunsch dazu!" sagen zu dürfen. Zu fünf Jahren, 1.000 Songs und 30 tollen Künstlern. Ohne die übliche Heuchelei, einfach frei raus.Labels: CD
Es muss nicht immer Skandinavien sein. Backyard Babies, Gluecifer, Hellacopters oder Turbonegro sind gern genommen, wenn's deftiger zur Sache gehen darf. Was die Rostocker Tricky Lobsters aber an Rotzrock auf ihrem zweiten Album "Dead Man's Ball" (Abandon Records/Newmusic Distribution) in die Saiten knallen, lässt den Kamm und die ohnehin schon prallen Testikel weiter schwellen."Tailgunner"
ist der maßgebende Opener: Ganz fetter Rock 'n' Roll mit Motörhead-Attitüde und tiefhängenden Gitarren, so ejakulieren die vier Hummer auch ihren "Untouched"-Nachfolger; Punk-Einschlag und Stoner-Anleihen kerben die 15 Tracks einer wirklich hochklassigen Produktion, die im nordischen Vergleich locker mithält.
"Action Rock", eine Selbstbetitelung, die's ausnahmsweise mal trifft - hier geht was! Textlich darf oktanhaltige Rockmucke limitiert sein, was zählt, sind fette Riffs und flotte Melodieläufe; in Titeln "Devil's Disco", "One Of These Days", "Three Cheers For The Sinners". Und als wäre der dreckige Sound samt der Whiskeygurgler-Röhre von Sänger Grauper nicht schon der Würdigung genug, kriegt Lemmy "Mr. Kill" Kilmister gleich seinen eignen Song verpasst.
Etwas sanfter wird's eigentlich nur einmal: "Poison Heart". Richtig, ein Ramones-Cover und eines der gelungeneren dazu. Verfallen sind wir aber schon vorher, der Knaller-Nummer "King Of The Jungle" nämlich. Devise: Ohren anlegen. Play It Loud! Solange wir noch Eier in der Hose haben.Labels: CD
Während sich andere Gruppen bandlebenslang mit einer Schublade zufrieden geben, haben die Gorillaz 2D, Murdoc, Noodle und Russel von der ersten Platte an den ganzen Wandschrank gefüllt. Und der wird nicht aufgeräumter, wenn Blur-Sänger Damon Albarn die "Demon Days"-Hits seiner fiktiven Comic-Combo zur Überarbeitung schickt.Der "D-Sides
"-Doppler (Parlophone/EMI) punktet neben (zumeist entspannt-)dubbigen Demo- und besseren B-Seiten-Raritäten mit seinen Electro-Varianten von "Feel Good Inc.
", "Kids With Guns
", "El Mañana
", "Dare
" und "Dirty Harry"; abgemischt haben das stylische Durcheinander die Stanton Warriors, Quiet Village, Junior Sanchez, Hot Chip, das DFA-Team, Jamie T oder Soulwax. Da hilft auch kein Ikea-Katalog, trotzdem viel Spaß bem Einsortieren!Labels: CD
"Wenn ich im Himmel nicht rauchen darf, gehe ich nicht hin." Wo auch immer sich Mark Twain denn hinbegeben hat, ein anderer Qualmer ist jedenfalls wieder da. Zu genießen verstand es Wolfgang Rohde aka Wölli aka Kirschwasserkönig M. schon immer, doch die Bandscheibe zwang den Promi-Punk 1999 zum Ausstieg bei den Toten Hosen. Nun zündet er mit dem Goldene Zeiten Orchestra "Ein bisschen Nikotin" (Goldene Zeiten Records/Trallala Musikverlag).
Eine launige Raucher-Ode, die weder verherrlicht, noch gegen jene eine Gruppe aufstachelt, die - wie Dr. Mabuse in der "Klappe Auf"-November-Ausgabe feststellt - als einzige etwas fanatisch nicht tut (nämlich rauchen), sondern nur das Recht auf selbstbestimmten Genuss einfordert. Und der ist vor allem anderen, exakt, Geschmacksache.
Dazu pickt sich Wölli die besten Musiker aus den Bands seines Labels Goldene Zeiten Records, unterstellt sie Gitarrist Klaus Vanscheidt und raunt selbst wie zu besten Suurbiers-Zeiten ins Mikrofon; drüber liegt Sound im besten Big-Band-Stil mit Trompete, Saxofon und Posaune.
"Ein bisschen Nikotin" gibt's gegen einen Cent-Betrag vorerst ausschließlich via Web. Der digitale Warenkorb stammt übrigens von den Karlsruher mp3-Shop-Prgrammierern Auxiro. Bis das Album vollständig ist, gibt's alle ein bis zwei Monate einen neuen Song zum Download, als nächstes winken und wanken "Two Drunken Drummers" durch die Leitungen: Vom Ritchie mit Wölli, der alte und der neue Hosen-Trommler singen im Duett über ihre Partyerfahrungen. Noch ein Genießer.
Und noch einer: "Wenn ich esse, so freue ich mich wieder darauf, ja, ich kann sagen, dass ich eigentlich bloß esse, um rauchen zu können." Tja, Thomas Mann hätte heutzutage in Lokalen nichts mehr zu bestellen. Wir auch nicht wirklich, aber es gibt ja den Wölli und seinen Song für ungemütliche deutsche Heizpilzabende. Unseren künftigen Protestsong.
Bringen wird's wohl nichts mehr, da kann es Anno Tobak werden. Aber wenn die Strahler Optik und Klimaschutzes wegen auch noch weichen müssen, hält so ein bisschen Swingen wenigstens warm bis es zurück nach drinnen geht. Vorausgesetzt EU und Gesetzgeber kommen nicht auf die nächste Schnapsidee. Rauschverbot für Kirschwasserkönige zum Beispiel.Labels: CD
"Hey Ya" in "Yee Haw"; und was Outkasts Hit widerfahren ist, sollte vor Künstlern wie Eminem, den Beastie Boys, Billy Idol, Elvis Presley, Beck, Plastic Bertrand oder den White Stripes nicht scheu machen. Cover-Country, aber cool! Anstelle der "Seven Nation Army" trommeln die zwei Großstadtcowboys von The BossHoss auf ihren Neuling das "Stallion Battalion" (Island/Universal) zusammen; und diesmal präsentiert man erstmals überwiegend Material aus eigenem Gestüt.
Fans erster Stunde konnte sich ja schon auf "Rodeo Radio" langsam umgewöhnen, denn das zweite Album der Frontmannen Alec "Boss Burns" Völkel und Sascha "Hoss Power" Vollmer bot viel Selbstkomponiertes; jetzt sind zehn von 14 aus dem Hause Hoss. Und der Opener steigt gleich kräftig Sporen: Schier abgeworfen wird der Hörer bei "Stallion Battalion", knallige Punk-Rock(abilly)-Härte, hook- und hitverdächtig! Als "Country-Trash-Punk-Rock" haben die glorreichen Sieben ihren Sound schon immer bezeichnet, jetzt wissen wir also, wie das in Reinform klingt.
Überhaupt gehen die ersten drei Rock 'n' Rodeo-Plätze an selbige Album-Nummern; auch, wenn Silber und Bronze einen Schritt nach oben respektive nach unten tun müssen. An zweiter Stelle: Das wörtlich zu nehmende "Shake & Shout", ein wilder Ritt durch die Musikprärie, der durch Hammondorgel ordentlich 70er-Flair sattelt und beim Chorus so richtig losgaloppiert. Hinterher trabt das "Monkey Business", eine durch und durch lässige Country-Nummer aufs Musikgeschäft samt Klischee-Mundharmonika-Begleitung.
So klasse sich dieser Dreier zu Beginn präsentiert, die übrigen Züchtungen von Sascha Vollmer kommen trotz prachtvollen Ausreißern wie dem stalbenden "Truck 'n' Roll Rules", "Omniscient Lover" oder "José And Myling" im Vergleich dazu nicht so recht in die Hufe; zu ähnlich und zu wenig eingängig, zu einfallslos geraten die Songstrukturen. Aber da sind ja noch die stilsicher verfremdeten Country-Cover-Tracks "Everything Counts", "Drop It Like It's Hot", "Gay Bar" oder "Polk Salad Annie".
Noch braucht der Wild Bunch wohl Unterstützung von Depeche Mode, Snoop Dogg, den Electric Six oder Tony Joe White und so lange dürfen alle eisernen Verfechter von "Like Ice In The Sunshine" weiterhin die "Internashville Urban Hymns" anstimmen. Dabei ist es Zeit, den Staub aus der Hose zu klopfen. Dass bloßes Umsatteln kein Konzept von Dauer sein muss, wissen Humppa-Freunde.
Auch die Finnenspinner Eläkeläiset konnten die eigene Kreativität bald nicht mehr zügeln, um dann doch wieder rückfällig zu werden und munter drauflos zu covern. So weit ist man in Berlin noch nicht. Wenn The BossHoss aber ihren jährlichen Veröffentlichungsturnus beibehalten und die selbst gelegte Hürde der ersten Tracks zu nehmen wissen, könnte es schon bei der nächsten Koppelleerung im VÖ-Jahr 2008 heißen: Kein Cover, aber Country? Cool!Labels: CD
In Südamerika haben die acht Kerzenschweine zurecht längst Superstarstatus erlangt, man füllt dort ganze Stadien. In Karlsruhe ist es vorerst noch ein Zelt, doch das brennt im "Fest"-Sommer 2006 binnen Minuten. Selige Erinnerung. Und Stichwort: Zwei Jahre Zeit haben sich die sympathischen Bartträger aus Montevideo gelassen für ihren "A Contraluz"-Nachfolger. Und La Vela Puerca sind vom Populär-Rock gepackt.Der Antrieb auf dem Neuling "El Impulso" (Universal) hält bis auf zweidrei Ausreißer ziemlich konstant entspanntes Midtempo, ist nicht mehr ganz so roh und hibbelig wie einst; eine Entwicklung, die schon bei "A Contraluz" eingesetzt hat. Der Ska, sofern er überhaupt jemals im Vordergrund stand, wird in immer größerem Maß von Latin-Rock-Klängen verdrängt, nur noch dezent durchsetzt mit Reggae, Cumbia oder Ragga.
Ihre stilistische Vielseitigkeit hat sie bislang immer ausgezeichnet, einerseits so typisch gerade für lateinamerikanische Formationen des Genres, und doch so eigen. Geblieben sind "El Impulso" die Melodieläufe, mit denen sich La Vela Puerca von im weitesten Sinne verwandten Gruppen wie No Te Va Gustar oder Panteón Rococó abgrenzen, ja isolieren. Was man nun an Geschwindigkeit, Bläserinfernos und Stakkato-Riffs einbüßt, wird mit Gradlinigem und Gefühligem aufgestockt.
Dabei ist in ihrer Musik Melancholie seit jeher allgegenwärtig, unterstrichen von den kritisch-pessimistischen Liedzeilen: Mit Wut und Sarkasmus packen die beiden Sebastiáns Teysera und Cebreiro den Ärger über Ungerechtigkeit und Missstände in poppige Ohrwurmnummern; teils fröhlich, teils schwermütig, teils schwelgend, aber immer wun-der-schön! Und die "El Viejos", "Sin Palabras'", "De Atars" und "El Huracáns" bekommen Zuwachs.
"Neutro", "Su Ración" oder das von Co-Sänger Cebreiro vorgetragene "Clones" - da sitzt wieder jede Harmonie. Zwischen ruhigen, teilweise fast romantischen Parts ("Para No Verme Más", "Hoy Tranquilo"), und heiter-wildem Brass-Punk ("Colabore", "La Sinrazón") entfaltet sich auch auf "El Impulso" jene Spannung, die ihre Musik so grandios macht; vorgetragen mit zwei Gitarren, Bass, Saxophon, Trompete und einer schier unglaublichen Spielfreude - schlicht beseelt von südamerikanischem Temperament. Der Sound mag nicht mehr ganz derselbe sein, an (Latino-)Lebensgefühl und Leidenschaft mangelt es "El Impulso" aber keineswegs. Sie zielen eben nur mehr auf Herz denn Hüfte.Labels: CD
Karlsruhe. Ein Aufstiegsmärchen. Unser KSC hat's vor- und wahrgemacht, jetzt will die verhasste Konkurrenz aus Schwaben eine Liga drüber nachziehen. Doch einerlei, ob's nun zum ersten Mal in einer Saison zwei Meister aus dem Ländle gibt, musikalisch ist der VfB-Anhang - das muss der blanke Neid ihm lassen - schon Spitze."Ole ole ole ola!" Erst hat man die argentinischen WM-Gesänge im A-Block einbehalten, nun träumt Axel Kurth - einst Frontmann der Sindelfinger Deutschpunker Wizo, die sich 2005 so ganz "Anderster" als erhofft mit einem "Goldenen Stück Scheiße" von den Aktivisten verabschiedet haben - sein "Meistermärchen 2007" (Nuclear Blast Records). Ganz neu ist aber auch dieser Sound nicht.
Tausche Opel gegen Daimler. Vom "Kadett B", erschienen auf dem 91er Wizo-Album "Für'n Arsch", bleibt nur der zweite Buchstabe des Alphabets über, und das allergeilste Auto macht der Mannschaft aus Bad Cannstatt Platz. Wer beim Wochenend-B'süchle zufällig Stuttgarts Regio TV vorbeiflimmern sah, war noch zeitig genug informiert, sich das Spontanwerk umsonst aus dem Netz zu ziehen. Doch zu verschenken hat auch Axel Kurth nichts mehr. Punkrock grüßt mal wieder den Kommerz und so kostet der 2:16-Track seit Wiederveröffentlichung einen Unkostenbeitrag von 99 Cent.
"Jetzt ist die Schale, wo sie hingehört", tönt's schon vollmundig. Wenn da mal nicht doch noch die verhöhnten "Meisterverscheißer" vom FC Gazprom vorbeiziehen und Armin Vehs Jungens am Ende unverhofft die besungenen Looser sind... Dann müsste Axel Kurth genau wie die Sportfreunde Stiller nachbessern. Immerhin der Titel kann diesmal derselbe bleiben - denn ein Meistermärchen wird's in Stuttgart ganz sicher. So oder eben anderster.Labels: CD
Dass ein Chaoze One mit seinen Rhymes gerade gegen Ruhm und Ehre kämpft, dürfte sich nach den zwei feinen Alben "Rapression" und "Koppstoff" auch abseits der linken HipHop-Szene herumgesprochen haben. Der Titel seines Drittlings "Fame" (Twisted Chords/Broken Silence) ist denn auch ganz und gar nicht englisch, sondern italienisch zu verstehen. Gemäß der Weisheit, die jedem Kater folgt: Wer viel abkotzt, bekommt hinterher auch wieder Appetit.18 Tracks lang trotzt Chaoze One in gewohnter Güte dem gruseligen Deutschrap-Mainstream und zeigt sich dabei nicht nur musikalisch eindeutig gereift, sondern weitaus vielseitiger und abwechslungsreicher, als man den MC bis dato kannte.
Seine Skills am Mic, stets durchdachte und stellenweise auch mal lyrische Zeilen, hier hoch politisch, dort zutiefst persönlich, aber immer irgendwo zwischen traurig-resignativ und einfach nur wütend, das kennen und schätzen wir schon seit Anbeginn. Doch mit diesen ausgeklügelten, detailverliebten Beats ist Chaoze One angekommen.
Abzulesen ist das auch an der langen Gästeliste: Neben altbekannten Gesichtern wie Gesangspartnerin Lotta C., Deadly T. von Anarchist Academy ("Tiefer"), der Microphone Mafia oder den Irie Revoltes aka Perspektives haben diesmal auch Greis aus der Schweiz ("Lass uns"), Nic Knatterton ("Guerilla/Partisan"), Albino ("Briefwechsel Remix") und Franzose Sista Zoum ("Monde Désechanté") im Studio vorbeigeschaut. Mit Mic Mafia-DJ Ra und 12 Finger Dan gibt's auf "Fame" obendrein erstmals zwei Discjockeys zu hören.
Und der Respect geht raus: Eine gute Stunde lang wird auf höchstem Niveau kollaboriert; gesampelt, gerappt und gesungen und gesprochen. Chaoze setzt den "Edelweisspiraten" - vor zwei Jahren von Niko von Glasow auch filmisch ins Licht gerückt - ein musikalisches Denkmal, arbeitet mit "Garde La Foi" gleichfalls ein Stück linker Geschichte auf, erzählt von gewachsenen Freundschaften ("Back In The Days") wie gescheiterten Beziehungen ("Letztes Kapitel") und lässt zwischendurch den jüdischen Nachkriegs-Lyriker Erich Fried ins Wort fallen.
Ob es an der Experimentierfreude liegt, dass sich nur wenige Tracks ohne Umschweife in die Ohrmuscheln kuscheln? Mag sein. Aber wer hat behauptet, dass es einfach werden würde? Zumal es einen solchen sehr wohl gibt und zwar an sechster Albumstelle. "Wenn du es willst", ein toller Lovesong mit Pianountermalung, eingängigen Melodieläufen, klasse Beats und treffenden Bildern ("Wär gerne glücklich, rauch stattdessen nur Fortuna-Kippen").
Doch doch durchaus, man darf sich festlegen. "Fame" - das im übrigen für den "Hunger" steht - ist eine wichtige Scheibe, eine der interessantesten im deutschsprachigen HipHop seit Langem. Und wenn schon nicht für Ruhm und Ehre, dann für die längst überfällige Anerkennung. Word.Labels: CD
Die Feinde sind lange schon in der Überzahl. Doch vier Warrior halten die letzte Bastion wahren Heldentums. In ihrer True-Metal-Welt müssen Männer noch muskelgestählt ihren Mann stehen und Frauen einfach nur dicke Titten haben. Ja, wären Stromgitarre und Schlagzeug nicht erfunden, Manowar würden ohne jeden Zweifel mit Schwert und Schild, Hammer, Axt und Amboss musizieren. Nach vielfachem Aufschub haben die selbstgekrönten "Kings Of Metal" mit gewohntem Wagemut zum Klischee ihr neues Werk "Gods Of War" (Circle Son/SPV) veröffentlicht; und sich selbst den Weg gen Walhalla bereitet."If I Had A Hammer, I Would Hammer On My Head!" unkte das Metal-Magazin "Rock Hard" vor einigen Monden im Jahresrückblick über das zur Headbangers Glückseligkeit noch fehlende Manowar-Album. Und was wird auch dieser Tage wieder diskutiert über Pathos und Peinlichkeit; als ob das bei den Man Of War jemals anders gewesen wäre. Eric Adams (Gesang), Joey DeMaio (Bass), Karl Logan (Gitarre) und Scott Columbus (Schlagzeug) machen seit der Gründung 1980 keine Kompromisse. Schließlich ist man noch immer "Louder Than Hell". "Other Bands Play - Manowar Kills!" So war's und so hätte es auch bleiben dürfen. "Whimps And Posers, Leave The Hall!" Hätte. Hätten Manowar ihr zehntes Album nicht dem Kriegsgott Odin geopfert.
Ihm zu Ehren hält man auch das Booklet gleich in Runenschrift, aber wenigstens nicht in Stein gemeißelt. Das Opfer bringen trotzdem nicht die vier Kings, sondern König Kunde. Was uns Wagner-Verehrer DeMaio und seine Mitstreiter da als Konzeptalbum verkaufen wollen, dürfte jedenfalls so manchen Normalsterblichen ziemlich erzürnen.
Peitschender Wind, galoppierende Rösser, dazu Gewieher, prasselnder Regen, grollender Donner, schauriges Heulen und Schlachtgebrüll zur Einstimmung klingen nur zu vertraut; das hochtrabende Spoken-Words-Geblubber nicht erst seit "Defender" beliebtes Stilmittel der Lederstraps-Träger aus Übersee, gleichfalls majestätische Chöre, Trompeten- und Posaunen wie klassische Passagen vor, zwischen oder hinter schnellem, aber immerzu melodischem, klassischem, dem wahren Metal. Jeden Moment müsste Scott Columbus' Doublebass einsetzen, Joey DeMaio den Viersaiter schwindlig zupfen und Eric Adams mit einem langgezogenen Schrei die Tonleiter heraufgeklettert kommen. Müsste.
Stattdessen schleppt man sich Song um Song wie ein angestochener Krieger übers Feld, auf dem einst der "Holy War" ausgefochten wurde. "Fighting The World" und "Hail And Kill" röchelnd, das stete Leder schnürt den Schritt, dessen Leib partout nicht sterben mag. Oh "Kingdom Come" - hör ich vor lauter verorgelter Klassik den Metal nicht. Und dann hat Odin doch noch ein Einsehen. Der "Black Wind" weht herbei, es lichtet sich. Und fein versteckt ertönen zwischen all den Titelleichen auf dem Schlachtfeld zwei so typisch-geile True-Metal-Stücke, die all das auszeichnet, was seit jeher einen Manowar-Song zur unsterblichen Hymne gemacht hat.
"Sleipnir" ist der eine. Der andere, als "Bonustrack" geadelte (ja, diese Jungs ziehen's echt durch!), verkündet standhaft: "They Can't Stop Us Let 'Em Try. For Heavy Metal We Will Die!" Wer zweifelt da noch ernsthaft dran? Doch scheint die Zeit gekommen, langsam loszulassen. Götterdämmerung. Denn seht die vollbusigen Walküren, ihr Warrior, wie sie lüstern flüstern: "Across The Rainbow Bridge To Valhalla, Odin's Waiting For You..." Ums "Carry On" kümmern wir uns schon.Labels: CD
Schenken wir der Legende Glauben, so bediente sich einst Eddie van Halen seiner Magie, Pete Townshend ebenso und auch die Genialität eines Angus Young soll nicht die seine gewesen sein. Das satanische Plektrum des Schicksals war's, das die Licks lenkte. In ihrem just angelaufenen Pseudo-Biopic macht sich auch die Hobby-Kapelle Tenacious D auf die Suche nach dem Masterpiece; und die Melodieläufe auf ihrem parallel erschienenen zweiten Album "The Pick Of Destiny" (Smi Epc/Sony BMG) lassen eigentlich nur einen Schluss zu: Sie sind fündig geworden."I Do Not Need A Microphone. My Voice Is Fucking Powerfull!" singt Jack "Jables" Black in "Master Exploder" und mit der wuchtigen Kraft seiner sonoren Stimme, die gleichfalls Air-Sirene-Höhen erklimmen wie in düsterste Tiefen hinabzusteigen vermag, könnte er wohl in jeder anderen Rock-Band ohne Probleme den Frontmann geben. Aber warum sollte er?
Schließlich beherrscht auch Kompagnon Kyle "Kage" Gass aka K.G. sein (Saiten-)Instrument in Perfektion. In den Staaten weiß man das lange schon: Ein "Tribute" an den vergessenen "Greatest Song In The World", "Wonderboy" und "Fuck Her Gently" sind da nur die drei Bekanntesten. Und das verniedlichende Label "Comedy-Truppe" mag auch fortan noch allenfalls ob der sinnentleerten (weil diesmal die Handlung eines abgedrehten Musical-Movies vorantreibenden) Texte zutreffen; die dicht gefolgt von "Suck" und "Cock" nahezu ohne Ausnahme dem vielfach einsetzbaren Wörtchen "Fuck" in sämtlichen Ausprägungen zu ungeahnter Popularität verhelfen - Gütesiegel "Parental Advisory. Explicit Content".
Auf und in "Pick Of Destiny", hierzulande unter "Kings Of Rock" in den Kinos angelaufen bewegt sich so ziemlich alles zwischen (textlichem) Nonsens und (musikalischer) Genialität; von "Papagenu (He's My Sassafrass)" - was Wunder, schließlich singt's J.B. im Film auf einem Mushroom-Trip - bis zur etwas poppigen und titelgebenden Singleauskopplung "POD". Aneinandergereiht entsteht eine lose 34-minütige Rock-Oper, in der jedes einzelne Stück ohne weiteres für sich stehen kann.
Eröffnet werden Film wie Soundtrack mit "Kickapoo" und einer Songstruktur mit dreigeteilter Geschichte wie Interpretation: Young Jables rebelliert mit Schlaggitarre gegen seinen Dad, verkörpert von Meat Loaf, dessen sich anschließender, so typischer Rock 'n' Roll-Part ebensogut der "Rocky Horror Picture Show" entsprungen sein könnte, bevor "Holy Diver" Ronny James vom Poster-Thron dem Kid mit seinem Dio-Sound den Weg zum Rock weist.
In Folge erzählen die 15 Tracks in bester Musical-Manier die (aus dramaturgischen Gründen etwas aufgepimpte) Bandgeschichte der beiden Wunderknaben Kage und Jables. Dazu vereinnahmt man in Jack Blacks unnachahmlicher Art Mozarts "Zauberflöte" ("Classico"), lässt mit forsch geschlagenen Akustikgitarren die "History" von Tenacious D vorüberziehen und stimmt bei "Dude (I Totally Miss You)" auch mal balladesk-melancholische Tonlagen an.
Die Bezeichnung Metal-Movie verdient sich "Kings Of Rock" dennoch allemal und das nicht nur dank speedgeladener Nummern wie "Car Chase City" oder "Break In-City (Storm The Gate!)" und dem riffgetragenen Manifest für den "Metal", in welchem Punkrock, Grunge, New Wave und Techno den Thron streitig machen, "But They Failed As They Were Thrown To The Ground!". Der Titel des sich stetig hinaufarbeitenden "Master Exploder" sagt im Grunde alles über den Song dahinter; repräsentiert den tollen Tenacious D-Sound mit einem Gemisch aus Akustik- und E-Klampfe. Richtig denkwürdig wird's spätestens, wenn sich J.B. und K.G. in "Beelzeboss" ganz "Tribute"-like wieder mal einen fantastischen "Final Showdown" mit dem lüsternen Satan liefern.
Die Metal-Parts von Foo Fighter Dave Grohl, der nicht nur teuflisch gut, sondern vor allem knüppelhart Felle und Gitarre traktiert, kontern The D einmal mehr mit grandiosem Spiel, das ob seiner schieren Klasse auch ohne cineastische Schicksals-Plek-Unterstützung funktionieren dürfte. Cause It's Just Fucking Good Rock! And Who's Tryin' To Suggest Another Thing - Dude, You Can Suck A ....!Labels: CD
Es war einmal ein semmelblonder Narr, der wusst erst nicht, wie ihm geschah, als rasch beim Wort er wurd genommen. Mit "Märchenstunden in 100 Sekunden" (Longblond Records) sollt er den Äther füllen, auf dass die Leut vor Lachen brüllen.Den November des Jahres 2005 hat manch einer auch als "Märchenmonat" in Erinnerung behalten und die überlieferten Radio-Versionen, damals ausgestrahlt auf Karlsruhes verblichenem Lokalsender Hit1, hat Musikkabarettist Gunzi Heil auf seiner CD in Endlosklapp-Cover (heiter illustriert von Poppets-Kompagnon Marcus Dürr) gehüllt.
Es beginnt beinah wie im PC-Quiz-Studio von "You Don't Know Jack", wenn All-Sprecher Gunzi in Personalunion Redakteurin Helen und Kandidatenbetreuer Cookie in die Tasche steckt und die versammelte Märchenwaldmannschaft auf die Plätze ruft. Schließlich hat man sich durch 22 Tracks voll Mär und Musik zu reimen, und pro Titel stehen nur 100 Sekunden zur Verfügung.
Da wird "Rotkäppchen" zum heißen Feger und bittet The Police um Hilfe; derweil rettet Frau Holle Bernd das Brot vor dem Umlufttod; "Der standhafte Zinnsoldat" ist "In The Army Now"; "Rapunzel" hat "Die perfekte Welle"; das Tischlein deckt zu Joe-Cocker-Gesang eine scharfe Tabledancerin, die mit ihrem Hamster auch noch Mehrschweinereien macht; aus dem "Häßlichen Entlein" wird doch noch Annetter Schavan; Marcel Reich-Ranicki krittelt an Frautorin Rowling und ihrem "Harry Potter" herum; Helge gibt "Das tapfere Schneiderlein"; "Dornrößchen" sticht sich an Hans Rosenthal; "Die Bremer Stadtmusikanten" verleben bei den Söhnen Mannheims ihre Biesterrente und die Beastie Girls sind bösen Schwestern vom "Aschenputtel". Schließlich stellt man "Die sieben Geißlein" und seien sie noch so glorreich wegen Beihilfe zum Mord vor ein Fertiggericht und der E-Bay-Butzemann alias rumpelstilzchen05 bekommt nicht das Babe, sondern drei, zwei eins - keins.
Eine knappe Stunde "Tempo, Tempo!" und Kollege Gunzi Heil tut wie ihm immer wieder geheißen, entfremdet die Erzählungen - das Gros aus dem Fundus der Gebrüder Grimm und Hans-Christian Andersen - frech-frivol, indem er quiekend und quäkend in alle erdenklichen Charaktere schlüpft und die Klassiker derart mit (Pop-)Kulturgut aus allen (Werbe-)Jahrzehnten und zweizeiliger Wortgaukelei überschüttet, dass er damit selbst Bully in die Parade fahren könnte. So werden aus den 100-Sekündern aufwändig produzierte Minimärchenhörspiele, die allesamt zielsicher auf ihre Schlusspointe zurasen. Ergo: So steht's bei den Gebrüdern Grimm. Oder eben Andersen.Labels: CD
Wer warten kann, hat viel getan. Weiß jedenfalls ein deu