indiskretion ehrensache

angeschaut und abgehört von patrick wurster

1. Dezember 2008

Animals In Love

Die Liebe ist eine Himmelsmacht. Ob Tiere dieses Gefühl denn nun wirklich empfinden können - wir wissen es nicht. Geliebt wird auf freier Wildbahn dennoch unablässig und "Nomaden der Lüfte"-Kameramann Laurent Charbonnier wagt (erstmals in Eigenregie) den Blick durchs Schlüsselloch ins Schlafzimmer der Natur. Bei Temperaturen zwischen minus 30 und plus 50 Grad filmt er 80 tierische Turtler; teils vor seinem Haus in Frankreich, für andere reist er um die ganze Welt.

Charbonnier achtet stets darauf, seine animalischen Protagonisten nicht zu vermenschlichen, während die Doku dezent kommentiert dem Lauf der Dinge folgt. Gegliedert in Balz, Paarung und Geburt formen Störche ihre Hälse zu Herzchen, verrennen sich Hirsche im Geweih des Konkurrenten, verweilen Kängurus Arm in Arm, schwimmen Delphine einträchtig nebeneinander und schließlich dürfen auch Löwen und Orang-Utans zur Sache kommen.

Zwischendurch wird etwas viel gevögelt: Den Geflügelten - sicherlich mit am einfallsreichsten, wenn es darum geht, dem Partner zu gefallen - widmet "Animals In Love" (Universum Film) ausgiebig Aufmerksamkeit.

Da werden prächtige Federfächer präsentiert, rote Hautsäcke aufgebläht, kunstvolle Nester gebaut, gesungen und virtuose Tänzchen vollführt. Aber eines ist dabei ganz klar: Lasst's uns wie die Tiere tun. Denn in Sachen verführerisches Verhalten darf sich manch Menschlein gut Beispiel nehmen.

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22. September 2008

Keinohrhasen

Ohne einen einzigen Kuss hat er das Genre der Romantischen Komödie abgeschritten. "Barfuss" - ein Film, ein Titeltrack: "Absolutely Entertaining"! Mit dem verkappten Nachfolger ist Til Schweiger auch finanziell ganz vorn dabei: "Keinohrhasen" (Warner Home Video) befindet sich unter den Top Ten der erfolgreichsten deutschen Filme seit der offiziellen Zuschauerzählung 1968. Dabei macht der Regisseur, Produzent und Hauptdarsteller eigentlich fast nichts anders als drei Jahre zuvor; nämlich die Geschichte von verkanntem Mäuschen und liebesgeläutertem Arsch erzählen.

Unter abermals tollem Titel (jetzt auch in Sachen Vermarktung samt Titeltier ein Geniestreich!) gibt Schweiger den schwerenötenden Sudelblattschreiberling Ludo Decker, der mit seinem Paparazzo Moritz (Matthias Schweighöfer) Stars und Schürzen jagt. Als er halbnackt in der Hochzeitstorte von Yvonne Catterfeld und Wladimir Klitschko landet (wobei Schweiger zu Fraus Freude geradezu penetrant seinen makellosen Hintern zu Schau stellt), bekommt Ludo 300 Sozialstunden in einem Kinderhort zur Bewährung aufgebrummt. Und hier arbeitet Anna "Vierauge" Gotzlowski (Nora Tschirner), die er zu Kindertagen bis aufs Blut gepiesackt hat...

Aus dieser heiklen Gegenüberstellung zielt Schweiger abermals von hinten ins Herz, verwässert 115 schön-komische (und etwas gefühllosere) Minuten aber mit vollkommen stupiden Slapstick-Einlagen. Und gemeint ist hier gar nicht mal der Humor im Stile Männerkategorisierung in "die, die's dir gar nicht machen, die Wühler und die Pieker". Die Doppeldeutigkeiten haben durchweg Pass - aber was Wunder, dass die FSK bei derlei Gesprächsthemen von sechs auf zwölf nachgebessert wurde.

Tschirner passt dabei prima zur Rolle; sie kann auch genau deshalb gar nicht an die Vorstellung ihrer Vorgängerin Johanna Wokalek rankommen. Und Til Schweiger? Der spielt sowieso mit Vorliebe sich selbst. Vielleicht kann er als Darsteller auch nichts anderes. Was er aber definitiv vermag, ist Kino inszenieren, mit Blick fürs Bild und dem Ohr für die musikalische Untermalung. Das wird verdammt schwer für den in Vorbereitung befindlichen Teil zwei, der im Dezember 2009 anlaufen soll.

Die Credits ganz ambitioniert auf englisch verfasst, hat sich der Macher den akustischen Höhepunkt diesmal fürs Finale aufgespart: "Mr. Brightside" von den Killers im elektrolastigen "Jacques Lu Cont's Thin White Duke Remix". Zuvor gibt's noch Bloc Partys "I Still Remember", den "Sad Song" von Au Revoir Simone und einen "Zauberlehrling" im dramatischen Rockformat von den Jungen Dichtern und Denkern, die auch im Film ihren großen Musical-Auftritt haben.

Dazu optisch wieder leicht angebräunt und bis ins Kleinste ausgezeichnet besetzt. Genial: Rick Kavanian als stieriger "Das Blatt"-Chefredakteur, Armin Rohde als koksender Uiuiuiuiuiuiuiuiuiuiui"-Kinderunterhalter Bello aus dem Zi-Za-Zauberwald und Schweiger-Tochter Emma Tiger neben ihren drei Geschwistern als ochsenknechtige Cheyenne-Blue. Auch im Aufgebot sind Barbara Rudnik, Christian Tramitz, Jürgen Vogel in der Totlachereröffnungssequenz und Wolfgang Stumph als wohl brummeligster aller Taxifahrer. Und wer so dasteht, darf doch gut und gerne auch mal auf der Stelle treten.

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Feast

Während wir uns immer noch mit "Superstars" und "Topmodels" herumschlagen müssen, war Amerika wiedermal einen Schritt weiter: Gesucht wurde via TV-Show ein Drehbuch samt Regisseur, dessen Film dann tatsächlich produziert wird. Und hinter dem Format standen große Namen: Matt Damon, Ben Affleck, Wes Craven und Chris Moore. Zwar gab's von "Project Greenlight" nur drei Staffeln, doch die letzte aus dem Jahr 2005 beschert uns jetzt den spritzigen Creature-Splatter-Spaß "Feast" (Senator Home Entertainment/Universum Film).

Und weil das Geld für den siegreichen Regisseur John Gulager und seine Schreiber Marcus Dunstan und Patrick Melton knapp bemessen war, beschränkt sich das gesamte Geschehen konsequenterweise auf eine speckige Spielunke irgendwo in der texanischen Wüste. Ein illustres Grüppchen von Bräuten und Verlierern (darunter Stiernacken-Rocklegende Henry Rollins und Jason Mewes) tummelt sich hier an einem verdammt normalen Abend, der sich als verdammt letzter Abend für manchen Barbesucher entpuppt, als plötzlich die Tür auffliegt und der vermeintliche Held mit dem abgetrennten Monsterkopf in der Hand als der Typ vorstellig wird, "der euch den Arsch retten wird."

Von diesem Moment an beginnt eine 80-minütige Tour de Blood; es regnet Körpersäfte literweise. In seinen Grundzügen erinnert das stark an "From Dusk Till Dawn" und auch sonst spielt Gulager gerne mit gorigen Genreklischees, die er gnadenlos überspitzt und ironisch zu brechen versteht. Die meisten der hauchdünnen Charaktere gehen bereits bei der ersten Attacke drauf, so dass wir nicht viel mehr von ihnen erfahren, als auf dem kurzen Steckbriefe stand, mit denen jeder einzelne im Schnellverfahren eingeführt wurde. Wo das Low Budget zu sehen sein könnte, helfen schnelle Schnitte und ein Skid-Row-Song. Das ist zwar alles ein bisschen gewollt cool - aber so sind nunmal die Casting-Show-Gesetze.

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20. August 2008

Asterix bei den Olympischen Spielen

Spinnen die Filmemacher? Nach ihren eher mittelprächtigen Begegnungen mit Caesar und Cleopatra begeben sich Asterix (Clovis Cornillac ersetzt den verschmerzbaren Christian Clavier als Titelheld,) und sein bärenstarker Gefährte Obelix (Gérard Depardieu füllt gewohnt zuverlässig den Part des dicken Hünen) in ein weiteres lebensgroßes Abenteuer (Constantin Film): Im mediterranen Griechenland wollen sie Landsmann Romantix (Stéphane Rousseau) beistehen, die Olympiade und das Herz der helenischen Prinzessin Irina (Vanessa Hessler) zu gewinnen. Diese Pläne durchkreuzt immer wieder der tückische Brutus (Benoît Poelvoorde), im Ansinnen, seinen Vater Julius (Alain Delon) aus dem Weg zu räumen.

Die Nebenhandlungsstränge um Liebe und Intrige kennt die Vorlage zwar nicht, aber Frédéric Forestier und Thomas Langmann verlassen sich ohnehin mehr auf ihr Big-Budget, umgemünzt in imposanten Kamerafahrten vor pompösen Computerkulissen und anderen Effekten, die die Comicwelten von René Goscinny und Albert Uderzo so auszeichnen. Der orchestrale Score gibt den Ton an. Dazu gibt's viel Klamauk und nette Anspielungen ans Zeitgeschehen; wie Dopingvorwürfe gegen Gallien, ein Folterknecht namens Guantanamos oder Terrorgefahr in Olympia ob der Anwesenheit Caesars.

Mit Michael Herbig als Zenturio (den man via Drehbuchkniff wegen sprachlicher Unkenntnis mit herausgeschnittener Zunge antreten lässt) ist auch Deutschland auf der Besetzungsliste. Die erweitern Gastauftritte gegenwärtiger Spitzensportler; gelungenen wie Michael "Schumix" Schumacher beim abschließenden Wagenrennen und unnötigen wie jener von Zinédine Zidane und seiner Landsleute, der Tennisspielerin Amélie Mauresmo und des Basketballers Tony Parker. Vor den letzten zehn Minuten hätten diese Spiele deshalb abgebrochen werden müssen. Aber das Regiegespann schneidet am Ende unterhaltsam ab und damit weit besser, als die Vorkoster zu Kinostart befunden haben. Weil irren auch 2008 nach Christus menschlich ist.

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4. August 2008

Der Nebel

"Gut machen" wollte es sein John Coffey in "The Green Mile". Gut machen wollten sie's hoffentlich alle, die Stephen Kings fantastisches Werk auf die große Leinwand gebracht haben. Gelungen ist es den wenigsten. "Die Verurteilten"-Regisseur Frank Darabont ist einer von ihnen und bestätigt sich mit der gestreckten Apokalypsen-Novelle "The Mist" (Senator Home Entertainment).

Mysteriöse Schwaden zwingen die Bewohner einer Kleinstadt im Umkreis von Castle Rock, sich im örtlichen Supermarkt zu verschanzen. Irgendetwas Krakiges lauert in der immer dichter werdenden Wolke da draußen. Die Ungewissheit zerrt zusehends an den Nerven der Zwangsgemeinschaft um David Drayton (Thomas Jane) und Sohn Billy (Nathan Gamble), schürt Angst, Verzweiflung; steigert sich zu Panik und religiösem Wahnsinn, der die schrumpfende Gruppe langsam spaltet: Mit der alttestamentarischen Fanatikerin Mrs. Carmody (Marcia Gay Harden auf den Spuren von Kathy Bates) droht David und den Seinen die größte Gefahr mit einem Mal von innen.

Hier gibt es keinen gutmenschlichen Grundton; und damit trifft Darabont wie schon bei den eingangs erwähnten Romanverfilmungen (und nicht zu vergessen seinem King-Erstling, der Kurzgeschichte "The Woman In The Room") den Geist der meisterlichen Vorlage. Nur dass diesmal eben kein Drama oder Fantasy-Fortsetzungsroman Pate stand. Die sind und bleiben Ausnahmeerscheinungen in Wort wie Bild. Doch bringt es der schleierhafte 125-Minuten-Mix aus handwerklich versiertem Monstergrusel auf engstem Raum (mit schönen Gore-Effekten sowie anderem Explizitem) und verstörendem Psychodrama (samt subtilen Polit-Andeutungen) auch wegen seines bitter-beklemmenden Finales zu einem mehr als anerkennenden: Well Done, Frank!

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21. Juli 2008

Buena Vista Social Club

Vom Szenelokal in Havanna war schon 1998 nur noch das Wesentlichste übrig, die Bar. Sein Name wird indes die Zeiten überdauern: Buena Vista Social Club. Das liegt in erster Linie an einem einmaligen Musikerkollektiv - benannt nach dem populären Auftrittsort - und ihrer mit dem "Grammy" für die "Best Tropical Latin Performance" ausgezeichneten Platte. Zum Ruhm beigetragen hat natürlich auch die Dokumentation von Wim Wenders; der an den Erfolg seines gleichnamigen Films und die Nominierung für einen "Oscar" wohl dennoch nicht denkt, als er den amerikanischen Komponisten und Produzenten Ry Cooder mit einem Kamerateam nach Kuba begleitet.

Und er fängt ein, was Cooder schon bei seinem ersten Besuch 1996 aufspürte: die alten, aber immer noch vitalen Helden des Son. Ibrahim Ferrer, Compay Segundo und Pianist Rubén Gonzáles sind in den 30er bis 50er Jahren Berühmtheiten ihrer Heimat - bis Fidel Castro die politische Macht in Kuba erlangt.

Heute ist "Chan Chan" ein Titel, den man auf der ganzen Welt kennt und das sind denn auch die ganz großen Momente der Dokumentation: jene einzigen drei Konzerte, die diese Formation zusammen gespielt hat. Zum karibischen Lebensgefühl aus dem Amsterdamer Le Carré mischt sich wohliges Schaudern, wenn die "Super Abuelos" - Supergroßväter, wie sie zuhause genannt werden - nach der letzten gemeinsamen Verbeugung in der ehrwürdigen New Yorker Carnegie Hall ein letztes Mal auseinander gehen.

Zwischendurch erzählen die Soneros aus ihrem Leben, zeigen die kubanische Hauptstadt mit all ihrem Zauber, ihren Problemen und ihrer maroden Schönheit. Dass sich der Schnitt dabei gelegentlich wenig um den Rhythmus kümmert, ist bekannt und gehört im zehnten Jahr dazu wie der anfangs noch so ärgerliche Kratzer im neuen Auto. Wenders' "Buena Vista Social Club" (Senator Home Entertainment) ist ein Schrein für Kubas gefeierte Künstler. Ferrer, Segundo und González sind inzwischen gestorben. Geblieben ist aber auch von ihnen das Wesentliche: die Musik.

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20. Juni 2008

Free Rainer - Dein Fernseher lügt

Dem Establishment ans Bein pinkeln kann er ja ganz prima. "Die fetten Jahre sind vorbei" hat Hans Weingartner 2004 kapitalismuskritisch proklamiert. Jetzt träumt der Weltverbesserer unter den deutschen Regisseuren vom mündigen Konsumenten, von der aufgeklärten Unterschicht. Deren Trash-TV im Stile der Samenrennen-Show "Hol dir das Super-Baby" wird von Zampanos wie Rainer (Moritz Bleibtreu) produziert. Warum? Weil die Leute einschalten. Ein Zusammenstoß mit Pegah (Elsa Sophie Gambard) reißt den Dauerkokser aus dem Quotenwahn.

Er verbündet sich ausgerechnet mit jenem Mädchen, dessen Großvater er mittels Ätherrufmord in den Freitod getrieben hat und kündigt seinem Sender und der Verblödungsindustrie den Kampf an. Die Lücke im System ist schnell ausgemacht: Quotenhörigkeit. Mit einer handvoll "Macht kaputt, was euch kaputt macht"-Rekruten und manipulierten Zahlen versucht er Macher wie Gucker umzuerziehen.

Nötig haben wir's ja - wie allein schon der Blick in die Programmzeitschrift zeigt. Nachhilfe in Quotenlehre gibt's gleich dazu und weil eine Hochrechnung (die nur rund 13.000 deutsche, GEZ zahlende Staatsbürger berücksichtigt) etabliert, aber nun nicht unbedingt repräsentativ sein muss, bietet sich Stoff genug für medienkritische Ansätze.

"Mit links geht alles besser", idealisiert Weingartner in "Free Rainer - Dein Fernseher lügt" (Kinowelt Home Entertainment) weiter, dem hier leider ein wenig die satirische Balance abhanden kommt: Bleibtreus Spiel leidet unter einer doppelt überzeichneten Rolle ohne Entwicklungschance, die Debatten können sich so manchen Spontispruch wieder nicht verkneifen. Und doch rebelliert ein unterhaltsamer Anarchocharme in dieser relevanten, schön bebilderten Utopie vom klugen Fernsehen. Fuck The System, wenigstens 'n bisschen.

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20. Mai 2008

Die drei Räuber

Es muss weiß Gott nicht immer dreidimensional auf der Kinoleinwand zugehen. Der Bilderbuchklassiker "Die drei Räuber" (Warner Home Video/X Verleih) des Elsässer Illustrators Tomi Ungerer jedenfalls umschmeichelt in liebevoll handgefertigter 2D-Animation nicht nur Kinderherzen. Dabei hat die kleine Tiffany (herzigst eingesprochen von Elena Kreil) zu Anfang wenig freudige Erlebnisse: Die Eltern tot und vom Gendarmen (Regisseur Hayo Freitag) ins Waisenhaus abgeschoben, kutschiert sie mit Puppe Pimpernella durch den dunklen Wald. Bis die drei Titel-"Helden" auf den Plan treten.

Obwohl Anführer Malente (Joachim Król), Flinn (Bela B. Felsenheimer) und Donnerjakob (Charly Hübner) zunächst überhaupt kein Interesse an der mageren Beute haben, gelingt es Tiffany, sich der bösen Heimleiterin (Katharina Thalbach) zu entziehen. Der Verlockung eines vermeintlichen Maharadscha-Vaters können die schwarzbehuteten und -ummantelten Banditen mit Beil, Blasebalg und Büchse nicht widerstehen. Der kessen Geisel geht's gut, und stockholmsyndromisiert lässt es sich in der Räuberhöhle fein aushalten. "Prinzessin" Tiffany bringt den drei lösegoldgierigen Schurken sogar das Lesen bei, nichts ahnend, dass sie mittlerweile steckbrieflich vermisst wird...

Werden für Pro- und Epilog noch Vorlagenbilder von 1963 in Bewegung versetzt, hat man den Zeichenstil ansonsten behutsam, aber effektiv aufgepeppt; kräftig-satte Farben machen den Tag strahlend und die Nacht dunkelblaudüster. Akustischer Clou: Tomi Ungerer selbst fungiert als Erzähler und gibt mit der ihm eigenen Lakonie (und dem stampfenden "Räuberlied" der Bananafishbones) den Ton vor.

Regisseur Freitag lässt seinen kleinen (und kleingebliebenen!) Zuschauern die Zeit, Details und Skurrilitäten vom Wegesrand aufzusammeln, während Ungerers anarchische Adern Herzblut durch die 79 Minuten pumpen; sie ergreifen ohne didaktische Moralisierung Partei fürs Kindesrecht auf Neugierde und Selbstverwirklichung. Die steht auch dem offenen Auges hinterherhinkenden deutschen Animationsfilm prima. Zurück zum Zeichentrick! Dann gibt's Beifall, auch wenn's platt zugeht.

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19. Mai 2008

Odette Toulemonde

Die schönsten Alltagsmärchen kommen naturellement aus Frankreich. Deren Lieblings-Romancier Éric-Emmanuel Schmitt ist jetzt ins Regiefach gewechselt, um seine "Odette Toulemonde et autres histoires" (Senator Home Entertainment) visuell aufzubereiten. Die Titelheldin (Catherine Frot) ist ein Stehauffrauchen, die das Beste aus ihrem kleinen Leben macht.

Tagsüber steht die Witwe sich in der Kosmetikabteilung eines Kaufhauses die Beine in den Bauch, bevor sie in ihre Minimietwohnung heimstöckelt. Dort drängeln sich bereits ein schwuler Sohn, seine wechselnden Partner, die schon trotzig geborene Tochter und deren nichtsnutziger Freund.

Zum Freuen flüchtet Odette in die Fiktion: Wie eine Mary Poppins lässt sie der Regisseur in die Welt der seichten Schnulzenromane ihres Idols Balthazar Balsan (Albert Dupontel) aufsteigen. Doch der Schnösel interessiert sich nicht sonderlich für seinen treuesten Fan. Als ein Fernsehkritiker Balsans neues Buch verreißt und nebenbei auch noch mit des Autoren Gattin verkehrt, verfällt der geschmähte Künstler in eine Depression - und erinnert sich plötzlich an jene Frau Jedermann, die ihm grade neulich bei der Lesung einen rührigen Brief zugesteckt hat.

Einsamkeit, Hoffnung und spätes Glück, darum dreht es sich eigentlich immer in Schmitts Büchern. Hier erzählt er (selbstreflektierend?) von einem Autor, der (den seinen nicht unähnliche) Romane für ein Publikum schreibt, das ihm selbst völlig fremd ist. Und wenn die beiden in Scheinwelten lebenden schließlich sanft in der Realität landen, sind wir getragen vom Gesang Joséphine Bakers schwerelos über all die Abgründe geschwebt, um am Ende doch noch ein paar Spritzer von jenem Kitsch ins Gesicht zu bekommen, den Schmitt zuvor noch als Kunst der kleinen Leute abgetan hat. Fabelhafte französische Filmwelt.

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28. April 2008

Sicko

Arm dran, wer krank ist im Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Fast 50 Millionen Amerikaner sind nicht krankenversichert. Obgleich Brachialdokumentar Michael Moore mit ihnen in seinen Drittling "Sicko" (Senator Home Entertainment) einsteigt, geht es die kommenden zwei Stunden vielmehr um die übrigen 250 Millionen. Denn sie sind nur vermeintlich besser dran.

Krankenhäuser, Pharmaindustrie, Versicherer - das ist Moores auf Profit ausgerichtete und dafür über Leichen gehende "Achse des Bösen". Ein Gesundheitssystem, in dem Bewerber mit bestehender Krankengeschichte abgewiesen werden, im Schadensfall winden sich die Versicherungsunternehmen, um die enormen Kosten auf den "Verursacher" abzuwälzen. Moore belegt dies mit vielen Einzelschicksalen und geständigen Ex-Mitarbeitern.

Wissen seine Landsleute längst und deshalb ab nach Kanada, Großbritannien, Frankreich und Kuba (!), um ihnen vorzuführen, wie toll "Socialized Medicine" funktioniert. Die romantische Suggestion, dass hier alles kostenlos sei, ist bekannte Mooresche Polemik; Simplifizierung und Unsachlichkeit waren und sind seine Werkzeuge, mit denen er immer geschickter montiert, um die Wahrheit deutlich zu machen.

Hochtourig läuft's, wenn das Schwergewicht die Tränendrüse abstellt und den Sarkasmus einspannt: Mit einer Gruppe lungenkranker 9/11-Veteranen schippert Moore nach Guantanamo Bay, wo die Staatsfeinde der USA eine bessere gesundheitliche Versorgung erhalten als der Durchschnittsami.

Rein in den Hochsicherheitstrakt kommt er nicht, angelt aber schon mal vor Kuba ankernd in der hiesigen Apotheke nach einer satirischen Schlusspointe. Auch in der Alten Welt schockiert dieses populistische Pamphlet. Und amüsiert. Cause It's Only Docutainment. Und wir antworten künftig vielleicht ein klein wenig gelassener auf die lästige Zweik(l)assenfrage.

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7. April 2008

Halloween

Die Knabenjahre der Schlächter haben Konjunktur. Leatherface und Hannibal Lecter sind ausgeweidet, da macht sich Genre-Fan Robert Bartleh Cummings alias Rob Zombie an Carpenters Horror-Klassiker "Halloween - Die Nacht des Grauens". Mit dem ehemaligen Wrestler Tyler Mane gibt er dem Stehaufmännchen Michael Myers zwar eine beeindruckende physische Präsenz, seine psychologische Herleitung der Figur bringt aber außer "Schlechte Kindheit gehabt?"-Plattitüden nicht viel Neues zustande.

Dafür formuliert er mit rabiaten Bildern aus, wo das Original Hohlraum gelassen hat. Wir erfahren in "Halloween" (Senator Home Entertainment), wie Michael auf die Maske kam, dann springt Zombie über die Jahre, um Carpenters Vorlage von 1978 einzuholen.

Trotz reichlich Slasher-Attitüde, subjektiver Kamera und anderen schönen Reverenzen, dem Donald Pleasence-Erben Malcolm McDowell als Dr. Loomis, Fleischbeschau und Carpenters berühmter Klaviermelodie dürfte diese Mischung aus Prequel und Remake den Pulsschlag nur in der ersten Stunde außer Takt setzen.

Wirklich spannend gewesen wäre, den Film konsequent mit Fokus auf die mordende Unschuld, als Zuspitzung auf die Ereignisse des ersten Allerheiligen-Vorabends in Haddonfield zu inszenieren. Denn Klein-Mikey (Daeg Faerch) mit Maske und Fleischermesser, das schockiert! Die alte Diskussion darf so oder so fortgeführt werden. Wollen wir wirklich wissen, wie sie wurden, was sind? Auch Rob Zombies Antwort lautet: Horror-Mythen werden immer noch aus sich selbst heraus geboren.

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28. März 2008

Leroy

Leichte Schläge auf den Hinterkopf erhöhen das Denkvermögen. Intelligenzbestien sind die sich ständig gegenseitig auf die Glatzen klopfenden Neonazis in Armin Völckers Kinofassung von "Leroy räumt auf" trotzdem nicht. 2005 drehte er seinen mehrfach ausgezeichneten Kurzfilm über den schwarzen Deutschen an der Schwelle zur Volljährigkeit (Alain Morel), dessen Freundin Eva (Anna Hausburg) fünf üble Skinhead-Brüder hat.

Mit seinem Halbgriechen-Kumpel Dimi (Constantin von Jascheroff) muss er sich gegen Familie Braun durchsetzen, die so rechts ist, dass sie selbst ihre Wellensittiche nach Hitlers Generälen Rommel und Kaltenbrunner benannt hat. Doch Leroy kämpft um seine Liebe und überdenkt dank John "Shaft" die eigene Identität.

Völcker führt seinen Leroy noch solo ein, wenn wir auf den Spuren des lässigen Blaxploitation-Kinos der 70er mit der Titelfigur durch den Großstadtdschungel Berlin streifen. Frei von moralinem Ballast, aber auch weitgehend frei von den schrägen Schmunzlern der knapp 20-minütigen Vorlage präsentiert sich ein Genre-Step zwischen Teenager-Komödie und musikalischem Message-Movie.

Denn seinen Beat bekommt "Leroy" (Warner Home Video/X Verleih) mit eigens für den Film unter Federführung des Absoluten Beginners Denyo produzierten Songs von Afrob (der als "Blacula" obendrein einen Kurzauftritt absolviert) Curse, Clueso sowie zum Soundtrack beigesteuerte Songs von Seeed, Blumentopf oder Jan Delay.

Funk, Soul und Rap bekommen somit ziemlich viel, ausgiebigere Dialoge über bundesdeutsche Selbstverständnisse oder aufgeschippte Vorurteile eher weniger Raum; und richtig schwarzhumorig wird's erst zur wohlbekannten Endlösung: Leroy will den Faschismus kommerzialisieren, um die einzige noch funktionierende Subkultur, die Neonazis, wie so viele andere von der Industrie kaputtmachen zu lassen. Mit Gründung der Skinhead-Boygroup atmet "Leroy" endlich schöne Utopie - ein Vorschlag zum Drübernachdenken.

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13. März 2008

Lissi und der wilde Kaiser

So spritzig und erfolgreich persifliert wie in der "Winnetou"-Verulkung "Der Schuh des Manitu" wurde im deutschen Kino selten. Mit dem nachfolgenden "(T)Raumschiff Surprise" kommt Michael Herbig dann trotz klingelnder Kassen aber nicht mal mehr über Mopsgeschwindigkeit hinaus und obwohl auch sein dritter "Bullyparaden"-Ableger um Sissi, die Kaiserin in den Wechseljahren, alles andere als die Krone der Komik darstellt, ist beim Schwenk zum Animationsfilm schon der Ansatz interessant, nicht die Titelfiguren ins Zentrum der Geschichte zu stellen.

Der Yeti Turteltag, in der "Ice Age" wohnhafter Kotzbrocken mit Ruhrpott-Slang (und geistig verwandt mit Oger "Shrek"), steckt nach heftiger Flatulenz in einer Gletscherspalte. Der Teufel aus dem Hesseland (Gerd Knebel und als Luzifers Echo Henni Nachtsheim) soll und will ihn holen, lässt sich aber auf einen Handel ein: des Zottels Leben gegen die schönste Frau der Welt.

Die "paniert" derweil durch den Park von Schloss Schöngrün an der Seite ihres Gatten, der anschließend dekadent die Kohle verheizt. Dazwischen wird noch schnell "durchregiert", bevor man sich die Zeit mit Mozartkugel-Golfen oder Moulin-Rouge-Einlagen vertreibt. Und während Lissi Glocken läutet und Hupen drückt, schlägt der Yeti zu.

Animiert ist "Lissi und der wilde Kaiser" (Constantin Film) für eine deutsche Produktion äußerst gelenk; zumal es gelingt, die Mimik von Bully (Lissi), Christian Tramitz (Franz) und Rick Kavanian (Feldmarschall) aus den Figuren zu pellen. Die bemühen sich während Regie wie Ausstattung saust und braust nicht durchweg vom Erfolg gekrönt, die TV-Sketche zu einer Parodie auf 50er-Jahre-Heimatfilm und "Sissi"-Mythos zu strecken. 81 Minuten sind dennoch kurz Weil bei so manchem "Franz, mir is so fad."

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25. Februar 2008

Prinzessinnenbad

"Ich komm aus Kreuzberg, du Muschi!" ist einer der letzten Sätze in Bettina Blümers Dokumentation über drei Berliner Gören mit zugehöriger Schnauze, die sie ein Jahr lang begleitet hat. Die 15-jährigen Freundinnen Tanutscha, Halb-Iranerin, Mina, Halb-Italienerin und das blonde Püppchen Klara stehen stellvertretend für so viele Altersgenossen in Deutschlands multikulturellstem Stadtteil.

Eine normale Kindheit war keiner von ihnen vergönnt. Tanutschka bezeichnet sich selbst als Deutsche und hat den Kontakt zum Vater abgebrochen. Minas deutsche Mutter hat jetzt einen afrikanischen Freund und ihr Papà eine wesentlich jüngere Freundin, sie selbst ist verliebt in den grundanständigen George, der kurz vorm Abi steht, um dann die Welt zu bereisen.

Klara hat ihren Erzeuger erst gar nicht kennen gelernt, dafür schon über 30 Freunde, schmeißt Trips, beklaut die eigene Oma, ist im Jugendhilfeprojekt für Schulverweigerer, weiß nicht ob sie Pornostar oder Tierpflegerin werden wird, findet alle Deutschen doof, Türken toll und kommt so gar nicht damit klar, dass ihre Mutter wieder heiraten möchte.

Es ist dieser Brückenschlag zwischen krassem Großstadtsoziotop und den gängigen Nöten des Erwachsenwerdens orientierungsloser Scheidungskinder, die das wertfrei montierte Langfilmdebüt von der ersten Szene im Sommerbad Kreuzberg, dem Prinzenbad, auszeichnet.

Afrob, Lisi, She-Raw und andere Berliner Artists begleiten das Trio musikalisch durch eine Langzeitbeobachtung, die zeigt, wie schnell diese Mädchen ob der Lebensumstände erwachsen werden müssen und vor allem, wo sie mit dem hohen Tempo nicht mehr Schritt halten können. O wie schön ist Zehlendorf.

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31. Januar 2008

Heroes - Season 1

Ziemlich verloren dürfte sich so mancher "Lostie" in den vergangenen Monaten gefühlt haben. Jack, Sawyer, Kate, Hurley, Sayid, Locke und die Anderen hatten Sendepause. Zwar zeigt ProSieben nun endlich die dritte Staffel der besten (Mystery-)Serie seit Erfindung des Fernsehens, hinkt damit im vernetzten Zeitalter jedoch dem Wissenstand der meisten Fans hoffnungslos hinterher. Ein Füller muss her und die Ersatzdroge Nummer eins für alle "Lost"-losen heißt "Heroes" (Universal Pictures).

Denn auch in der amerikanischen Serie von Tim Kring, deren erste Staffel 2006 auf der US-Rundfunkanstalt NBC anlief, geht es um Ungewöhnliches; allerdings etwas offensichtlicher als bei der noch höher gelobten ABC-Konkurrenz. Durch den Tod seines Vaters wird der indische Professor Mohinder Suresh (Sendhil Ramamurthy) auf genetische Anomalien aufmerksam.

Über die ganze Welt verteilt entdecken derweil scheinbar normale Menschen, dass sie außergewöhnliche Fähigkeiten besitzen: vom heroinabhängigen Künstler Isaac Mendez (Santiago Cabrera), der die Zukunft zeichnet, über den fliegenden Politiker Nathan Petrelli (Adrian Pasdar), Cheerleaderin Claire Bennet (Hayden Panettiere), die über Selbstheilungskräfte verfügt, Niki Sanders (Ali Larter), die die Persönlichkeit ihrer toten Schwester in sich trägt, bis zum New Yorker Cop Matt Parkman (Greg Grunberg), der die Gedanken seiner Mitmenschen hört, und dem Raum und Zeit beherrschen Computerspezialisten Hiro Nakamura (Masi Oka). Sie finden nach und nach zusammen und missionieren gemeinsam: "Rette die Cheerleaderin, rette die Welt."

Für ihre Fähigkeiten interessiert sich bald nicht mehr nur Genetiker Suresh, sondern auch eine undurchsichtige Geheimorganisation. Die Parteien geraten schnell aneinander. Dabei ist der etwas anstrengende Japaner Hiro der einzige, der seine Heldenrolle geradezu begeistert annimmt. Der Rest hält's eher mit Peter Parker denn den X-Men: Man weint der verlorenen Normalität hinterher. Die Serie gefällt gerade deshalb; obendrein mit immer mal wieder eingearbeiteten Comic-Zitaten und als schönes Gimmick dazu absolviert Stan Lee, Schöpfer so manches Marvel-Helden, in Episode 17 "Die Firma" einen Cameo als Busfahrer.

Analog zur Tendenz, Staffeln nicht mehr am Stück auszustrahlen, muss dafür allerdings auch an der Ladenkasse zweimal zugelangt werden: "Season 1.1" kommt derzeit auf vier DVDs im Steelbook daher, enthält zwölf Episoden à 42 Minuten. "Season 1.2" erscheint am 27. März. Vorzug zum TV-Pendant auf RTL 2: Die Folgen sind ungekürzt, reichen aber in keiner Fassung an die Faszination von J. J. Abrams' Inselmär um Oceanic-Flug 815 heran. Nicht annähernd.

Es gibt neben (optischer) Machart, grundsätzlicher Genre-Verwandtschaft und anderen Ähnlichkeiten auch in "Heroes" zu Anfang ein "Was bisher geschah" der sich sodann parallel entfaltenden Ereignisstränge. Die verwobene Erzählweise von "Lost", mit Flashbacks und Flashforwards die Charaktere nach und nach sorgfältig mit Leben und die Handlung mit Spannung zu füllen, die Komplexität und Stimmigkeit - das bleibt einmalig, "Heroes" erstklassiger Ersatz. Eine zweite Staffel ist gedreht, der vierte Block "Lost" in Ansätzen (und US-Fassung samt Untertitel) zu (be-)ziehen. Die Frage, ob Platz bleibt für zwei Dauerbrenner, muss das Publikum entscheiden. Jeder für sich.

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24. Januar 2008

Könige der Wellen

Exemplare aus der Gattung flugunfähiger Südhalbkugelseevögel sind bei den CGI-Schmieden gern genommen. Sie waren die heimlichen Stars in "Madagascar", die offensichtlicheren in "Happy Feet" und auch im zweiten Werk von Sony Pictures Animation ist ein Pinguin der Hauptdarsteller. Neu ist die unkonventionelle Herangehensweise an eine ansonsten reichlich unspektakuläre Geschichte: Im Mockumentary-Stil folgen wir einem Kamerateam und Möchtegernsurfer Cody Maverick (gesprochen von Robert Stadlober) zum "Memorial Cup".

Überragend ist er so weit einzig darin, seinem Idol Big Z (Thomas Fritsch) nachzueifern, der einst im Wellenritt gegen den amtierenden Champ Tank Evans tödlich verunglückt ist. Dann taucht die Legende wieder auf, Cody hat einen Mentor und mit einem Mal auch echte Chancen.

Getrieben von punkigem Green-Day-Sound gefällt die Aufsteiger-Story mit skurrilen Typen wie Codys Dude Chicken Joe oder Surf-Promoter Reggie Belafonte, dem Nagetier mit Don King-Mähne. Den Ansatz der Dokuparodie locker durchhaltend, versetzen die Macher ihre 86 Minuten mit Interview-Einspielern, wackliger Handkamera oder auf alt getrimmten Archiv-Aufnahmen und lassen als Gimmick auch schon mal Wassertropfen an die Linse spritzen.

Von der visuellen Wucht war auch die Academy überzeugt und so tritt "Könige der Wellen" (Sony Pictures Home Entertainment) am Sonntag, 24. Februar, im "Oscar"-Wettstreit um den "Besten Animationsfilm" gegen "Persepolis" und "Ratatouille" an. Da allerdings wird denn auch ein Big Z nichts mehr richten können.

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23. Januar 2008

Beim ersten Mal

Schockschwerenot! Schwanger? Mit einem Baby? Von dem bisschen One-Night-Stand? Für TV-Karriereschönheit Alison (Katherine Heigl) ist diese Horrorvorstellung wahr geworden. Eine Beförderung und etwas zu viel Alkohol tragen dafür Sorge, dass sie sich zur ungeschützten Unterleibsertüchtigung mit dem Kifferchaoten Ben (Seth Rogen) hinreißen lässt. Das böse Erwachen folgt für die beiden Ungleichen acht Wochen und einen Schwangerschaftstest später. Volltreffer! "Beim ersten Mal" (Universal Pictures). Man trifft sich unverhofft zum zweiten Date. Und beschließt, sich zu arrangieren.

Judd Apatow, stolzer Papa von "Jungfrau (40), männlich, sucht...", verpasst diesmal Steve Carells Stichwortgeber Seth Rogen die Hauptrolle und haut mit einer weiteren Sexklamotte samt Einblick in den Geburtskanal so richtig schön zotig-derbe in die bereits geschlagene Gagkerbe. Dabei predigt er über spaßig angelegte 129 Minuten Spielzeit sogar ein klein wenig Moral übers Erwachsenwerden ewiger Kindsmänner. Ansonsten bleibt's bei der Einsicht: Ein bisschen schwanger gibt es nicht.

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11. Januar 2008

Trigon - Live 2007

Heavy-Zen-Jazz ade. Power-Space-Kraut-Jam-Rock nennt das Trio Trigon aus Karlsruhe von nun an nicht ganz unbegründet sein vom Krautrock und den Elegiemomenten im Progressive fasziniertes Soundgebrodel, das auch zu jazzigen Elementen ganz schwer nein sagen kann. Mit der anstehenden Veröffentlichung der neuen, eigenverlegten DVD "Live 2007" variiert also das angewöhnte Etikett. Und der Inhalt auch.

Es erinnert zwei Jahre nach dem bis dato letzten Studioalbum "Emergent" immer noch an improvisierte Jam-Sessions, was die Brüder Rainer (Gitarre) und Stefan (Bass) Lange mit Felltracktierer Tihomir "Timi" Lozanovskiaus aus ihren Instrumenten herausholen und das mag - wie vom (Prog-)Rock Magazin "Eclipsed" treffend beschrieben - "für den einen ein belangloses Gefiedel sein, für den anderen ist dies eine Gitarrenorgie".

Aber die fidele Frickelei - abgefilmt bei der "Zappanale", einem jährlichen Musikfestival in Bad Doberan zu Frank Zappas Ehren - steigt diesmal auf festem Boden. Stabil verdrängt fragil: Anstelle des Weitschweifigen, ja fast ein bisschen Beliebigen, stehen 14 bekannte, aber kompakte, fokussierte Tracks (allesamt auch in mp3-Fassung enthalten), deren Charakter sich nun erst so richtig zu entfalten scheint.

Und das hält man sogar durch, wenn Rainers singende Ibanez JS1 Joe Satriani während der langen Live-Soli den tragenden Part einnimmt. Die Arrangements ummanteln, wenn der Bass samt dem stets gleichwertigen Begleiter Schlagzeug vornehmlich damit beschäftigt ist, der E-Gitarre den roten Teppich auszurollen; wenn sie eine gute Stunde lang zu jenen sphärisch-psychedelischen Alleingängen ansetzt, die einzig das Wah-Wah-Pedal noch bremsen kann. Da ist es umso schöner, dass die Band für ihre definitiven Versionen ein "Best Of" aus knapp 20 Jahren Trigon auf der Setlist stehen hat. Jetzt also Power-Space-Kraut-Jam-Rock... Ach, schmeiß einfach die Frickel-Machine an, Rainer!

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28. Dezember 2007

Irina Palm

Mit seiner zweiten Langfilmregie leuchtet Sam Garbarski ins Souterrain des Schmuddelsexgewerbes und wird trotz aller thematischen Assoziationen dennoch keinmal pornographisch. Marianne Faithfull spielt die vom Leben zusammengestauchte Titelfigur. Als Grandma Maggie muss sie auf die Schnelle viele Pfund für die Operation ihres todkranken Enkels aufbringen. Die Bank winkt ab, Jobs gibt's für eine Mittfünfzigerin heutzutag nunmal nicht mehr, nur Clubbesitzer Micky (Miki Manojlovic) scheint noch an ehrlicher Handarbeit interessiert.

Schließlich verbirgt sich hinter dessen Gesuch nach einer "Hostess" ein unverhohlener Euphemismus und hinter Maggie das Pseudonym "Irina Palm" (Warner Home Video/X Verleih), wichsende Witwe mit Penisarm: Das Glory Hole ist ihr neuer Arbeitsplatz, wo sie Männern das Masturbieren abnimmt. Maggie richtet sich im Puff häuslich ein. Mit Kittelschürze, Kaffeekanne und Kleenex verrichtet sie ihr Werk nach anfänglichem Ekel alsbald äußerst unaufgeregt, professionell eben, und verdient gut - bis ihr Sohn (Kevin Bishop) argwöhnisch wird.

Garbarski entdämonisiert die Sexindustrie ironisch, während er Pop-Ikone Faithfull mit klobigen Stiefeln ausdruckslos durch Londons Vororte schlurfen lässt. Ihre Melancholie imprägniert 103 Minuten lakonischen Dramas, welches nicht nur vorsichtig den schönen Schluss zulässt, dass die Liebe gerade dort zu finden ist, wo man sie am wenigsten vermutet. Denn übermäßig publikumsgoutierte "Berlinale"-Beiträge erschlaffen oft ohne Zutun.

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11. Dezember 2007

Playmate Video Kalender 2008

Na schön, liebe Frauen. Ohne Ausflüchte. Hier gibt's nun wirklich keine fein aufbereiteten Interviews zu lesen. Na und? Es sind doch allein die letzten Junggesellen unter uns, die sich ohne Minimum dreitägige Diskussion noch einen Pin-Up-Kalender in die gemeinsamen vier Wände hängen dürfen. Eure alljährliche Herrenzusammenstellung aus dem Hause "Cosmopolitan" ist da natürlich etwas ganz anderes. Unser "Playmate Video Kalender 2008" (Euro Video) aber auch.

Darin präsentiert der "Playboy" wieder ein Dutzend animiert-animierende Hochglanz-Bunnys; in kalendarischer Reihenfolge Jayde Nicole (Miss Januar 2007), Brittany Binger (Miss Juni 2007), Giuliana Marino (Miss April 2007), Tiffany Selby (Miss Juli 2007), Janine Habeck (Miss August 2006), Nicole Voss (Miss August 2006), Heather Rene Smith (Miss Februar 2007), Tamara Sky (Miss August 2007), Shanon James (Miss Mai 2007), Kia Drayton (Miss Dezember 2006), Sarah Elizabeth (Miss November 2006) und die schnuckelige Sara Jean Underwood (Miss Juli 2006 und Playmate Of The Year 2007).

So viel Platz muss sein, denn Namen sind bei Hugh Hefner keineswegs Schall und Rauch. Modisch lassen die Mädels natürlich keine Rückschlüsse zu; tendenziell scheinen allerdings Brünette wieder im Kommen. Allein an der Haarfarbe liegt es sicher nicht, dass sich vor allem zu Jahresbeginn ein Typ Frau zu oft wiederholt.

Manch einer mangelt es nämlich trotz aller Makellosigkeit diesmal leider am Wesentlichen: der Ausstrahlung. Ja, auch das darf zählen. Denn was bringt all die Schönheit, wenn am Ende nix rüber kommt? Weit weniger einsichtig als in den Vorjahren, aber immer noch freizügig die FSK 16-Fassung ausschöpfend, präsentieren sich die Leiber obendrein mit viel Natürlichkeit nehmenden Weichzeichnern; und können leider nicht immer verhehlen, dass die pralle Pracht mehr schöner Schein ist.

Porträtiert werden die zwölf Parade-Girls über die Laufzeit von 85 Minuten wie gewohnt in ästhetischen, musikunterlegten Videoclips; darunter sind mit Giuliana Marino und Janine Habeck auch zwei inländische Halb-Italienerinnen. Woher wir das nun wieder wissen wollen? Tja, zwischen all der "Playmate Video Kalender"-üblichen Räkelei gibt's zur Ausgabe 08 ein Novum: Da haben uns die Mädels nämlich urplötzlich doch noch etwas zu erzählen! Bekleidet. Ätsch.

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22. November 2007

2 Tage Paris

Wenn die erste Verliebtheit der Normalität gewichen ist, lässt spätestens das Vorstelligwerden bei den Schwiegereltern die Herzen wieder höher schlagen. Das steht auch Wahl-Amerikanerin Marion (Julie Delpy) und ihrem New Yorker Lover Jack (Adam Goldberg) bevor, als sie auf dem Rückweg vom Europa-Erholungstrip noch schnell für zwei Tage bei Maman (Marie Pillet) an der Seine absteigen. Dort droht Jack der Kulturschock: Die Cuisine ist seine Küche nicht, im Burger-Lokal will man ihn partout nicht verstehen, überhaupt denken Franzosen jeden Alters nur an Sex und halten die Amis von vornherein für prüde und blöde.

Skurrile Taxifahrer, lüsterne Künstler wie Marions Papa (Albert Delpy), zu enge Pariser und ständige Begegnungen mit den ungebrochen ambitionierten Ex-Liebhabern seiner Angebeteten sorgen dafür, dass sich der US-Boy bald völlig überfordert fühlt.

Die französische Aktrice Julie Delpy steht vor wie hinter dem Culture-Clash-Spaß "2 Tage Paris" (3L Filmverleih/E-M-S); durchmisst im Regiedebüt die kulturellen Gräben zwischen Europa und Übersee. Ihre Beziehungskomödie brilliert über 100 Minuten immer lebensnah zwischen amüsant und obszön, die sich zuspitzenden Missverständnisse untermalen Klänge aus der französischen Szene, The Roughtones ("Dead Lover") und die fröhliche Retronummer "Lalala", Delpys musikalische Kooperation mit Nouvelle Vague. Als wär's nicht schon so absolut superbe.

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16. November 2007

Vitus

Wenn der Schweizer sagt: "Da stellt's eim aso ab", dann meint er vielleicht so einen wie den Vitus. Mit der zunächst sechs- (Fabrizio Borsani) und später zwölfjährigen (Teo Gheorghiu) Titelfigur hält jedenfalls keiner mit. Mal abgesehen davon, dass der helvetische Wunderknabe 180.000 in die schweizer und 260.000 Besucher in die deutschen Kinos zog, hört er auch noch so gut wie eine Fledermaus, spielt famos Klavier und liest schon im Kindergarten den "Brockhaus". Paradox. Kein Wunder ist es wiederum, dass seine Eltern Karriere wittern.

Vitus soll Pianist werden. Doch das kleine Genie bastelt lieber in der Schreinerei seines eigenwilligen Großvaters (Bruno Ganz), träumt vom Fliegen und einer gewöhnlichen Jugend. Als Außenseiter geächtet, nimmt Vitus mit einem dramatischen Sprung das Leben schließlich in die eigenen Hände.

20 Jahre nach seinem international gefeierten "Höhenfeuer" stellt Fredi M. Murer wieder einen besonderen Jungen ins Zentrum seiner Geschichte; eine Liebeserklärung an die Kindheit, feine Melancholie und jugendlicher (Weh-)Mut, leichtflüssig, schlitzohrig humorvoll und fast schon ein bisschen poetisch erzählt er den eidgenössischen "Oscar"-Vorschlag als besten nichtenglischsprachigen Film.

Und den gibt's jetzt auf Doppel-DVD nebst 53-minütigem Dokumentarfilm von Rolf Lyssy über die Entstehung, eines der raren Interviews mit Bruno Ganz und dem Castingvideo des kleinen Pianisten Teo Gheorghiu, der auch im wahren Leben musikalisch hochbegabt ist. "Das schläggt kei Geiss weg", sagt der Schweizer. Und will Hollywood wie deutschem Nachbarn damit sagen: An unser'm "Vitus" (Schwarzweiß Filmverleih/Indigo) führt kein Weg vorbei.

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27. Oktober 2007

Freigespielt

"Die Tiefen waren tiefer als die Höhen hoch." Sagt Mehmet Scholl selbst im Rückblick auf seine 17 Profifußballerjahre. Die lässt er unter Regie von Ferdinand Neumayr und Eduard Augustin in "Freigespielt" (Senator Home Entertainment) für sich und uns vorüberziehen. 48 Stunden bis zum finalen Abpfiff am 19. Mai 2007 - der passgenaue Rahmen dafür. Europameister war er, Champions-League- und Weltpokal-Sieger; einer, der den UEFA-Cup ebenso in Händen gehalten hat wie mehrfach Meisterschale und DFB-Pokal. Und doch nennen sie den Karlsruher bis heute liebevoll Scholli.

Weil er einer der letzten Straßenkicker der Bundesliga war, weil ihn selbst der größte Bayern-Verächter ob seiner spielerischen Genialität verehrt hat. Bewundert haben's ihn alle, aber eben auch verniedlicht. Zum ganz Großen hat es dem Siebener nie gereicht; zu oft zu schwer zu lang verletzt, die Geschichte eines tragischen Helden. Und schon deshalb ist seine Karriere klassischer, perfekter Filmstoff.

"Lieber ewiges Talent als gar kein Talent." Kontert Scholl, der mit diesem wehmütigen Gänsehaut-Porträt auch zeigt, dass sein Wesen über frech und unbekümmert sehr wohl hinausreicht. Zwischen früher Naivität und später Reflexivität bewegt sich der verschmitzt-(selbst-)kritische Nachruf auf einen Individualisten, den wir fortan missen müssen - auch abseits des Rasens. Servus Mehmet. Wiederschaun.

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19. Oktober 2007

Goodbye Bafana

"Basierend auf wahren Ereignissen." Ein Satz, der immer wieder gerne als Verkaufsargument herhalten darf. Nur zu gut bekannt ist die Leidensgeschichte von Nelson Mandela, der 27 Jahre seines Lebens als politischer Gefangener zubringen muss, weil er sich als führendes Mitglied des African National Congress und erklärter Gegner der Apartheid gegen die Knechtung 20 Millionen Schwarzer durch vier Millionen Weiße wehrt. Diese Geschichte erleben wir in "Goodbye Banfana" (X Verleih/Warner Home Video) nun aus Sicht von Mandelas (Dennis Haysbert) Gefängniswärter James Gregory (Joseph Fiennes).

Auf Robben Island, wo das Regime seine Unliebsamen wegsperrt, soll der überzeugte Rassist auch jenen Mann ausspionieren, der 1994 erster schwarzer Präsident des Landes wird; ein Dicht-an-Dicht, welches das Denken des Bewachers über zwei Dekaden von Grund auf ändert. Auch wenn die Memoiren Gregorys für subjektive Authentizität bürgen, verlangt eine solche Wandlung genaue psychologische Charakterisierungen und sorgfältigen Handlungsaufbau.

Diesen Vorgaben stehen emotionsarme Darsteller und ein narrativer Umweg entgegen, der Erweckungserlebnisse zu zügig abhakt, aber niemals deutlich herausarbeitet. Trotz aller richtigen und wichtigen Absichten wiegt dem Film des Dänen Bille August die Last der Verantwortung für seine historische Figur schwer; schleppt sich über 114 Minuten behäbiges Geschichtskino, das historische Fakten zum verträumten Polit-Rührstück verklärt.

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15. Oktober 2007

Independent Days Vol. 01 - Wir können alles. Außer Hollywood.

"Wir können alles. Außer Hollywood." Ein leicht verfremdeter Slogan, der sich so gut verkauft hat, dass die Erstausgabe der "Independent Days Vol. 01" von 2003 restlos vergriffen war. Nicht mehr, denn der Kurzfilmklassiker ist zurück: Das Karlsruher Label Bohemia Filmkunst hat die Premierenzusammenstellung seiner Besten vom gleichnamigen Low- und No-Budget-Festival folgerichtig erneut ins Rennen geschickt.

Kult ist die Short-Movie-Schatzkiste alleine ob "Das Leben des C. Brunner", dem fiktiven Bewerbungsgespräch auf der Toilette der Filmakademie Baden-Württemberg zwischen gegängeltem Aspirant (Stefan Lampadius) und reizdarmgeplagtem Lehrkörper (Steffen Jürgens) - eine achtminütige Format-Sternstunde in schwarzweiß!

Das Restprogramm hin zur summierten Spielfilmlänge komplettieren Kurzgeschichten über sprechende Schaufensterpuppen ("Familie Krassnick") und sprachlose Zeichentrickmafiosi ("Zwofünf"), durchgedrehte Einzelgänger ("Psychosis") und hängengebliebene Vielfahrer ("Citizen Subway"); über arglistige Alchemisten ("Blackford Stories") und arglose Pornofilmer ("Sex Sells"), alterssenile Glückspilze ("Lotto Normal"), blinde Eifersucht ("Absturzstelle") und Guido Tölkes "Totengräber".

Verändert hat sich abgesehen vom Cover-Artwork in der zweiten Auflage "Vol. 01" (Bohemia Filmkunst/Alive) nichts, aber wozu schon? Diese Zehn nun also einmal mehr publikumsvotierten Kurzfilme zwischen Humor und Horror zeigen schließlich immer noch: Können ist alles. Nur keine Frage des Budgets.

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6. September 2007

La vie en rose

Wäre "La vie en rose" (Constantin Film/Highlight) ein amerikanisches Movie, Marion Cotillard hätte den Champagner für ihre Fête des "Oscars" wohl schon nach Drehschluss kaltstellen können. So aber bewirbt sich die Produktion aus Frankreich wohl nur für eine "Meilleure actrice" beim "César", dem nationalen Filmpreis. Dass es für mehr auch in der Theorie nicht reicht, liegt vor allem an ihrem Regisseur und Autor Olivier Dahan, welcher mit der Chanteuse durchweg, aber immer weniger nachvollziehbar durch die Zeit reist.

Folgt die sprunghafte Erzählstruktur zwischen Edith Piafs schwerer Kindheit mit Aufzucht zwischen Puff und Gosse und ihren nicht minder schweren, von Krankheit bestimmten letzten Lebensjahren zu Anfang des Films noch einer gewissen Logik, zerstückelt Dahan die 140 Minuten zusehends. Dass sein Publikum trotzdem bis zum Finis gebannt zusieht und -hört, wenn 47 zumeist tragische Lebensjahre Revue passieren, liegt neben der erlesenen Kameraarbeit und den stimmungsvollen Kostümen an Hauptdarstellerin Marion Cotillard. Sie mimt die Édith Giovanna Gassion, den nur 1,42 Meter kleinen Spatz von Paris, ihre überzogenen Manierismen authentisch, perfekt.

Dass in Dahans Porträt-Puzzle so manches Teilchen fehlt, fällt nicht ins Gewicht. Die wesentlichen Wendepunkte kommen allesamt vor; von der Entdeckung durch Nachtclubbesitzer Louis Leplée (Gérard Depardieu), den Tod von Tochter Marcelle, die unerfüllte Liaison mit Box-Weltmeister Marcel Cerdan (Jean-Pierre Martins) und andere Romanzen, Alkoholexzesse, ihre maßgeblichen und verehrten Chansons, der Zusammenbruch auf offener Bühne, die wehmütigen Sterbebettstunden des 11. Oktober 1963, bis hin zum überwältigenden Höhepunkt, als La Môme Piaf von ihrer Leberzirrhose gezeichnet jenen letzten großen Erfolg trällert, der nicht nur als Epitaph weltberühmt geworden ist: "Non, je ne regrette rien." Auch wir nicht, ungeachtet der Art der Präsentation. Alors, merci Marion - formidable!

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Mr. Bean macht Ferien

Er tappste in seiner unnachahmlich tollpatschigen Art nicht nur von Fettnäpfchen zu Fettnäpfchen, sondern vor genau zehn Jahren auch vom Fernsehbildschirm auf die Kinoleinwand: Mr. Bean, die kultige Kunstfigur des Rowan Atkinson. Ganz glücklich waren die Anhänger mit dem "Ultimativen Katastrophenfilm" allerdings nicht.

Für seine Verhältnisse viel zu geschwätzig zeigte sich der englische Museumsangestellte im fernen Kalifornien. Diese Gefahr ist beim zweiten Anlauf gebannt. "Mr. Bean macht Ferien", jetzt auch auf DVD (Universal Pictures) und noch immer an der Côtes d'Azur, wo man schon bald man nur noch spanisch versteht.

Auf Los geht's los. Hauptpreis der Kirchentombola: eine Woche Urlaub samt Video-Cam. Schon auf dem Weg ins Land von Baguette und Baskenmützen löst Bean mit seiner neuen Errungenschaft eine Kette unglücklicher Ereignisse aus. Deren Auswirkungen sind selbst auf dem Filmfestival zu Cannes noch spürbar, wo die einzelnen Handlungsstränge nach anderthalb heiteren Stunden zum Grand Fin zusammenlaufen.

Auf dem Weg dorthin reicht das bewährte Repertoire der Slapstick-Komödie vollkommen aus. Denn in Sachen Amüsement vertraut man endlich wieder auf die wirkungsvolle Komik des schweigsamen Briten, der sich auch ohne Teddy in jeder noch so unbedeutenden Lebenslage wieder zielsicher zum größtmöglichen Deppen macht.

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3. September 2007

Fast Food Nation

"Wer es unmittelbar danach schafft, einen Viertelpfünder ohne Würgreflex zu verdrücken, dem gebührt der Ronald-McDonald-Orden für abgebrühtes Kulturironikertum." So lobpreiste die "Süddeutsche" Richard Linklaters Abrechung mit der amerikanischen Schnellimbiss-Industrie. Ein gefundenes Fressen für jede PR-Abteilung. Im Gegensatz zu Morgan Spurlock, der sich aus Forscherdrang in seiner weitaus unterhaltsameren wie schockierenderen Doku "Super Size Me" einen Monat ausschließlich bei McDonald's ernährt, arbeitet Linklater für "Fast Food Nation" (Senator Home Entertainment) die unter gleichem Titel erschienene Bestseller-Reportage des Journalisten Eric Schlosser in ein Episodendrama über Menschen im Milieu um; und gewinnt für sein Anliegen Größen wie Kris Kristofferson, Bruce Willis, Ethan Hawke und Avril Lavigne.

Nach der übelkeitserregenden Erkenntnis, dass Kolibakterien ("Es ist Scheiße in unserem Fleisch, Don!") die Kampagne um den Verkaufsschlager "The Big One" gefährden, inspiziert Don Henderson (Greg Kinnear), Marketingchef einer Burger-Kette, die Produktionsanlagen in Texas - und kommt zu der für den halbwegs informierten Konsumenten nicht ganz neuen Erkenntnis, dass Fast Food ein im wahrsten Sinne schmutziges Geschäft ist: Die von seinem Arbeitgeber nicht nur gebilligten illegalen Immigranten und brutalen Schlachtmethoden verändern kurzzeitig seinen Blick auf die Dinge. Dann geht's ihm wie allen Kulturironikern: Nie wieder! Bis zum nächsten Mahl.

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30. August 2007

Ghost Rider

Johnny Blaze ist einer der wenigen Anti-Helden im Marvel-Universum; eine gequälte Seele, die stets dem Bösen dienen soll und meist doch das Gute schafft. Zu Teenagertagen geht J.B. (Matt Long) einen Pakt mit dem Teufel ein: Um seinen an Lungenkrebs sterbenden Vater (Brett Cullen) zu retten, verkauft er Mephistopheles (Peter Fonda) seine Seele und lässt die große Liebe (Raquel Alessi) sitzen. Jahre später ist der Kirmesfahrer in zweiter Generation als Fachmann für seine Motorrad-Stunts berühmt, da kehrt nicht nur die alte Flamme Roxanne (Eva Mendes) in sein Leben zurück.

Mephisto pocht auf den Pakt, denn sein aufmüpfiger Filius Blackheart (Wes Bentley) will den alten Herrn vom Unterweltthron stürzen und die Hölle auf Erden entfachen. Auf Blaze (Nicolas Cage) lastet fortan der Fluch, des Nachts zum Kopfgeldjäger des Satans zu mutieren. Als "Ghost Rider" (Sony Pictures Home Entertainment) fegt er mit lichterlohem Schädel und H.-R.-Giger-Gedenk-Feuerstuhl durch die Straßen, um die gefallenen Engel zu bezwingen. Nur so kann der Seelenfänger die seine freikaufen.

Mark Steven Johnson ging beim "Daredevil" in die Marvel-Lehre und hat damit das Regierüstzeug, die 1973 etablierte Comic-Reihe um Rache, Vergeltung und die Kraft der Erlösung zu verantworten. 110 Minuten lang lodert sein mit offensichtlichen "Faust"-Motiven angereichertes Effektspektakel. Mehr wird den Charakteren nicht zugestanden, als brav Spalier zu stehen sobald die Wunderkerze brennt. Und mehr als das, vollmundige "Easy Rider"-Zitate, die weit über eine geborgte Harley Davidson hinausreichen, und Cages mimische Ausdruckskraft eines geschundenen Hundes brauchen wir auch gar nicht zu sehen. Der Highway To Hell ist eine Einbahnstraße.

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3. August 2007

Das wilde Leben

Mit Talenten gesegnet sind zu dieser Zeit andere. Uschi Obermaier beschränkt sich aufs gute Aussehen - und wird doch zur Ikone. Das 68er-Sexsymbol ist nicht nur mittendrin im "Wilden Leben" (Warner Home Video), sondern überall dabei. Jedenfalls so lange es ihr passt. Debütant Achim Bornhak verfilmte die ihren Erinnerungen frei nachempfundene Lebensgeschichte und brachte mit seiner Hauptdarstellerin Natalia Avelon auch gleich ein neues Sternchen zum Leuchten.

Die Macher haben erkannt, dass die Essenz der Obermaier schlicht und hedonistisch ist; mühen sich erst gar nicht, aus der Figur mehr zu machen, als sie war. Und die linke Bewegung um die Berliner Kommune 1 und Gespiele Rainer Langhans (Matthias Schweighöfer) wird auch gleich mitentzaubert, große Worte wie Ideale der Ära amüsant als prätentiöses Getue entlarvt.

Das Gedächtnis hat des Weiteren einige (gewollte?) Lücken, Uschis Aufstieg zum begehrten Covergirl, ihre Affären mit den Superstars - darunter die Rolling Stones Mick Jagger (Victor Norén) und Keith Richards (Alexander Scheer) - bekommen freilich auch im Film gebührenden Platz. Als der afrikaerfahrene Abenteurer Dieter Bockhorn (David Scheller), zugleich Herrscher über ein Milieu, in dem Frauen nur nach ihrem Stundensatz bewertet werden, in ihr Leben tritt und man etliche Jahre durch Asien, Amerika und Mexiko vagabundiert, bekommt das Biopic zwar seine Längen, wird deshalb aber keineswegs langweilig.

Das liegt einmal am ausgewogenen Pendeln zwischen authentischem Porträt und sanfter Parodie, andererseits an der in Ettlingen herangereiften Natalia Avelon, die ihre Sache nicht nur schauspielerisch durchaus meistert, sondern gefühlte Dreiviertel des Films die prallen Rundungen unverhüllt in die Kamera strecken darf. Mehr hat ihre Vorlage leider nicht zu bieten und damit bleibt's nach 114 Minuten bei aller augenscheinlichen Irrelevanz einer Frau und ihrer Lebensgeschichte ganz Obermaier: Einfach eine gute Zeit!

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29. Juni 2007

3/1 - Roland Reber Filmreihe

Es ist ein steter Aufeinanderprall von anspruchsvoll-(über-)ambitioniertem Kunstfilm und der bestenfalls semiprofessionellen Umsetzung, die Roland Rebers Werke so besonders wie gewöhnungsbedürftig machen. "24/7 - The Passion Of Life", sein Kinofilm aus dem Jahr 2006, spaltete Publikum und Kritiker nicht nur ob des Inhalts, sondern auch und vor allem hinsichtlich des filmischen Handwerkszeugs. Dilettantismus oder Avantgarde?

Wer's mit letzterer Antwort hält, bekommt dieser Sommertage gleich dreifach Nachschub: Dank der DVD-Box "3/1 - Roland Reber Filmreihe" (WTP International/Develop Vision Design) werden seine jüngeren Langfilme nun auch außerhalb internationaler Festivals gespielt.

Der Psycho-Thriller "Das Zimmer" (2000/2001), die satirische Komödie "Pentamagica - Alles, was Sie nie über Magie wissen wollten" (2002/2003) und die Dramödie "The Dark Side Of Our Inner Space" (2003) haben jeweils eine eigenständige Geschichte; und werden doch durch das gemeinsame Thema der menschlichen Sinnessuche nach sich selbst zu einer übergreifenden Trilogie zusammengefasst.

Da ist Ägyptologie-Studentin Sophie (Mira Gittner) und Schauspieler Christoph (Marcus Grüsser), die sich auf eine Chiffre-Anzeige hin als Hüter eines einsamen Hauses mit verbotenem Raum wieder finden ("Das Zimmer"). Während Christiane (Mira Gittner) nebst Krafttier Hildeswin (Wilbur The Pig, das schweinische Maskottchen der WTP) und Sandra (Marina Anna Eich) die Realität durch magische Rituale zu beeinflussen suchen ("Pentamagica"), versammeln sich Tanja (Mira Gittner), Jessie (Marina Anna Eich), Anna (Sabine Krappweis), Marcus (Christoph Baumann) und Kai (Manfred Gebauer) in einer ehemaligen Militärkaserne fürs "Große Spiel" des Lebens ("The Dark Side Of Our Inner Space").

Drei Geschichten, manche Gemeinsamkeit: keine Scheu vorm Dreh mit (finanzierbarem) Digibeta statt teurem 35mm-Film; Script-In-Progre