Herr, die Not ist groß! Die ich rief, die Geister, werd ich nun nicht los. Und weil die zuvorderst Verantwortlichen beim Karlsruher Stadtjugendausschuss mehr Denker denn Dichter sind, heißt es bei ihnen nach dem "Fest" 2006 schlicht und nüchtern: "Der Zenit ist erreicht." Walle! Walle! Für viele andere ist er - nicht erst seit diesem Sommer - längst überschritten. Stehe, stehe! Denn wir haben deiner Gaben vollgemessen! Ach, ich merk es. Wehe, wehe! Hab ich doch das Wort vergessen.Ob sie sich aber überhaupt gewillt sind, sich zu erinnern? Wohl eher nicht: "Wir gehören mit Stolz zur ersten Kulturliga." Das tun sie, da darf man Organisator Rolf Fluhrer beipflichten. Dass "Das Fest" ein "Aushängeschild für Karlsruhe" ist, wie Oberbürgermeister Heinz Fenrich unlängst bekundete - keine Frage, feine Sache. Da hat der alte Hexenmeister sich doch einmal wegbegeben, und nun sollen dessen Geister auch nach seinem Willen leben. Seine Wort und Werke merkt er und den Brauch, und mit Geistesstärke tut er seither Wunder auch. Ein wirklicher (Zauber-)Lehrling war er nie; Meister ist er unbestritten, denn was Fluhrer aus dem von Dieter Moser initiierten Nachwuchs-"Fest"ival im Laufe der Jahrzehnte gemacht hat, ist zutiefst beeindruckend und verdient gebührende Anerkennung! Aber sein "Fest" ist längst auf dem Zenit des Erträglichen angelangt, und noch beunruhigender: des Verantwortbaren.
O, du Ausgeburt der Hölle, soll das ganze Haus ersaufen?
Walle! Walle! Manche Strecke. Mehr als eine Viertel Million Menschen in drei Tagen auf 1,5 Kilometer Länge und 300 Meter Breite. Eine schier unglaubliche Anzahl, Kopf und Hände voll mit Flaschbier. Ein Zenit, mehr Scheitel- denn Höhepunkt, bedenkt man, dass selbst wesentlich größere Festivals wie etwa das "Southside" oder auch die Rocks am Ring und im Park bei 40 respektive 60.000 Schotten dicht machen, sprich den Ausverkauf melden. Und selbst bei einem halbwegs wilderen Substage-Gig wird schon lange nurmehr in Bechern ausgeschenkt. Die Günther-Klotz-Anlage hingegen ist trotz Zaun allzeit für jedermann geöffnet und mit Blitzesschnelle wieder ist er hier mit raschem Gusse!
Wie das Becken schwillt! Wollte man nicht noch 2005 einen Gang zurückschalten, im Jahr eins nach dem überwältigenden Jubiläums-"Fest"? Das ist (auch) dieses Jahr nicht passiert. Statt dessen: Immer neue Superlative vor wie auf der Bühne. Ein noch besseres, sehr ausgewogenes "Fest"-Programm, vielleicht in 22 Jahren das beste überhaupt; aber eben auch ein (zu) populäres. Seeed, das musikalisch hübscheste Ding der Stunde am Samstag und ohne geldliche Gegenleistung - eine die Massen magisch ziehende Mischung; und zum Bass, bässer am bässten der alljährliche Tanz auf der Rasierklinge. Ach, nun wird mir immer bänger! Welche Miene! Welche Blicke! O, du Ausgeburt der Hölle, soll das ganze Haus ersaufen?
Dass zum Zwecke Wasser fließe
Dabei gäbe es sehr wohl Möglichkeiten, dem Rad der Zeit zumindest die ein oder andere Lanze in die Speichen zu jagen: Warum denn nicht mal eine erstklassige, aber vom Namen her noch vergleichsweise wenig bekannte Band wie etwa die Ska-Rock-Formation La Vela Puerca als Samstagabend-Headliner? Walle! Walle! Manche Strecke, dass zum Zwecke Wasser fließe. Aber nein: "Wir brauchen große Künstler, mit denen wir die Veranstaltung refinanzieren können." Argumentiert Fluhrer. Und mit reichem, vollem Schwalle zu dem Bade sich ergieße. Das ist kaufmännisch gedacht nicht falsch, aber eine Logik, die sich schlicht nur selbst rechtfertigt. Kann sich doch auch hier die Spirale zur Abwechslung nach unten drehen: Weniger bekannte Acts kosten auch wesentlich weniger Geld und ließen sich somit auch mit weitaus weniger Publikum refinanzieren.
Doch sie laufen! Nass und nässer wird's im Saal und auf den Stufen: Welch entsetzliches Gewässer! Herr und Meister, hör mich rufen! Da aber auch zukünftig kaum weniger prominentes Hauptbühnenpersonal verpflichtet werden wird, der Umsonst-Charakter nach Aussage der Verantwortlichen unbedingt und gottlob erhalten bleiben soll und ein ebenfalls hier und da schon diskutierter Standortwechsel hin zur Neuen Messe getrost als absurd abgetan werden darf - weil beides den Charme der Veranstaltung zerstören würde - sind die heuer erstmals praktizierten Einlassbeschränkungen bei Überfüllung die einzig praktikable Möglichkeit der Regulierung zugunsten größerer Sicherheit - nur rechtzeitig(er) wohlgemerkt. Indikatoren, an denen eine derartige Zuspitzung festgemacht werden kann, sind laut Veranstalter unmöglicher Zählung der Ein- und Ausgehenden zum Trotz vorhanden.
Wärst du doch der alte Besen?
Ach, das Wort, worauf am Ende er das wird, was er gewesen! Ach, er läuft und bringt behände - wärst du doch der alte Besen. Oder doch zurück zu den Ursprüngen? Utopisch, und wer kann das ernsthaft wollen? Denn der "Fest"-Tourismus lässt sich über kurz ohnehin nicht mehr vermeiden: "Festivalguide" wie "Focus" geben mittlerweile ungefragt Auskunft, zumal die durch Karlsruhe ziehenden Studentenhorden noch Jahre danach mit fünf Freunden wiederkehren und jene samt allen anderen kämen mittlerweile "selbst dann, wenn wir gar kein Programm auf der Hauptbühne machen würden".
Der Vorsitzende des Stadtjugendausschusses Christian Klinger bringt das "Fest"-Dilemma nur geringfügig überspitzt auf den Punkt. Da sind sie wieder, die Geister, die sie riefen. Kaum ist das Defizit Stadtverwaltung sei Dank behoben, seh ich über jede Schwelle doch schon wieder Wasserströme laufen. Ein verruchter Besen, der nicht hören will. Stock, der du gewesen, ach steh doch endlich wieder still! Labels: Kommentar
"Wer kämpft kann verlieren, wer nicht kämpft, hat schon verloren." Danke Bert für diese nicht nur in linken Kreisen und seit gestern vornehmlich dort wieder gern strapazierte Parole. Karlsruhe hat für Amtlichkeit gesorgt und die Vergangenheitsform ist Gegenwart für die Steffianer, welche erst viel, viel zu spät die Zeichen der Zeit erkannt und für ihre Sache wirklich zu kämpfen begonnen haben.Wobei Kampf in einer modernen Mediendemokratie - das sei eingeräumt - nun mal nicht unbedingt etwas mit tätlichen Auseinandersetzungen zu tun haben muss. So oder so, die Bewohner der Ex-Steffi haben ihre Behausung verloren - ein herber Verlust für Karlsruhe; (noch) nüchtern festgestellt.
Mit alldem konform gehen, was da in Stephanien- und Schwarzwaldstraße die vergangenen 16 Jahre vor sich ging, muss man sicherlich nicht - ganz gleich ob tiefschwarz oder Linksaußen. Nur zu gerne schießt der Theoretiker übers Ziel hinaus und der Aktivist tut's ihm ohne Skrupel gleich. Aber bleibt Steffianern wie linken Sympathisanten und sonstigen Befürwortern des alternativen Karlsruher Wohnprojekts doch zugute zu halten, dass Minderheiten nunmal auch mit überzogen konträren (Lebens-)Haltungen zutage treten müssen, wollen sie denn überhaupt wahrgenommen werden.
Ein herber Verlust, der schmerzt
Und wer nun aufschreit, ob dies nun etwa eine Legitimation für sämtliche Gegner unserer schönbeschaulichen Demokratie darstellen solle, hat schlicht noch nichts verstanden. Welche Gefahr terrorisiert uns denn heute noch von links? Die physische Gewalt und die wirkliche Bedrohung eines friedlichen Miteinanders kommt aus dem gegenüberliegenden Lager. Hier muss endlich mit Nachdruck und Steuergeldern politisch angesetzt werden. Dass das, was die notorischen roten Weltverbesserer in gar nicht selten unglaublicher Borniertheit teilweise einfordern, am Ende der Königsweg ebenso nicht sein kann, steht außer Frage; tut aber - liebes Volk, mal Hand aufs Herz - längst keinem mehr wirklich weh.
Dieser Verlust hingegen schmerzt. Die Szene - und nicht nur diese - verliert nach dem Autonomen Zentrum Heidelberg ein weiteres Herzstück, politisch wie kulturell. Aber warum wurde die Suche nach Alternativen nicht früher und mit mehr Vehemenz forciert? Es ist freilich obsolet, dies heute zu fragen; zu fragen, warum erst fünf nach zwölf endlich Bewegung in die Angelegenheit gekommen ist, die Stadt in Person von Sozialbürgermeister Harald Denecken nach den (wohlgemerkt von Steffi-Seiten) abgebrochenen Verhandlungen nicht viel früher wieder konsultiert wurde.
Der Bruch zwischen Haus und Szene - Anfang vom Ende?
Festzuhalten bleibt auch: Nur gemeinsam ist man stark, und wer es sich im eigenen Lager (zumindest zeitweilig) verscherzt, steht ganz schnell auf verlorenem Posten. Mag es noch so hochgradig albern erscheinen, wenn der Verein Selbstbestimmt Leben allzu hehre kulturelle Ansprüche in der Fächerstadt geltend machen möchte, zu feiern verstand man es in der Ex-Steffi fürwahr! Doch immer mehr wurde nur noch mitgefeiert statt selbst zu laden, nur noch mitdemonstriert statt selbst anzumelden. Die größten, finanziell erschwinglichsten und mit subjektivem Verlaub auch besten Partys der vergangenen zwei Jahre wie etwa die "Einheizfeier" waren meist von der Roten Antifa Karlsruhe (RAK) respektive der ihr nachfolgenden Organisierten Linken initiiert.
Die verkauften Getränke jedoch flossen in Form harter Euros ins Haussäckel der Ex-Steffi. Dankbar angenommen. Doch immer seltener wurde diese Art der Solidarität. Es macht sich bei den eingefleischten Anhängern der Ex-Steffi Frust breit, wenn einer der größten Mitstreiter zum Alleinunterhalter wird, wie zum Jahreswechsel 2002 etwa, als die damalige RAK eine Silvester-Demo pro Ex-Steffi ins Leben ruft und keiner aus dem Haus es für notwendig befindet, Präsenz zu zeigen. Nur ein Beispiel unter vielen, aber für nicht wenige der Bruch zwischen Haus und Szene.
Doch die meisten derer, die zu den Besetzern aus Stephanienstraßenzeiten gehörten, verließen ihr Herzensprojekt ohnehin im Spätsommer 2003. Schon damals war die Situation ähnlich prekär wie in diesem Frühjahr, eine Räumungsklage mit allen zerstörerischen Konsequenzen wahrscheinlich. Man einigte sich wider Erwarten vor dem Landgericht: Verlängerung bis 31. Januar 2006. Und was ist seither passiert? Nicht mehr viel. Oder sagen wir: schlicht zu wenig. Dass so lange fast nichts voranging in Sachen Suche nach einem Ersatzobjekt, spricht Bände.
Ein quietschbunter Sonnenstrahl im Stadtfächer verglimmt
Man genoss zwischen damals und heute - ein wenig zugespitzt formuliert, aber die Wahrheit in Sichtweite - über weite Strecken nur noch das günstige Leben, bekam politisch (und man möge es dem ein oder anderen unterstellen: auch sonst) nicht mehr sonderlich viel auf die Reihe; wenngleich - und auch das muss endlich einmal gesagt werden - bei weitem nicht nur "Assis" und "Zecken", wie so gerne von der ach so liberalen Gesellschaft vorschnell gepöbelt wird, in den teilweise sehr schick hergerichteten Mauern der einstigen Bahnhofskantine lebten und verkehrten. Es ist schon erstaunlich und leider nur allzu typisch (deutsch?), dass gerade jener Schlag Bürger, der noch nie einen Fuß über die Steffi-Schwelle gesetzt hat, am ehesten wettert und heuer am lautesten jubiliert.
Doch dazu besteht keinerlei Anlass. Keine Ex-Steffi - das heißt eine entscheidende Anlaufstelle weniger für politische Gruppen, vorbei mit Volksküche und Infoladen, weniger Konzerte und Partys abseits des Mainstream - ein quietschbunter Sonnenstrahl im Stadtfächer verglimmt. Ohne Not. Der Mythos Time-Park auf dem "Filetstück der Stadt" ist alles andere als eine Frage der Zeit, und doch steht der Abrissbagger schon bereit.
Ob er inmitten der Karlsruher Kulturoase noch viel Arbeit zu verrichten hat, darf indes bezweifelt werden. Denn die Bausubstanz des Objekts Schwarzwaldstraße 79 ist mehr als bedenklich. Da wurden über die Jahre ungeachtet aller Statik fröhlich Räume erweitert, Zwischenwände eingerissen, dass einem ob so mancher Schieflage bei großen Festivitäten und mehreren 100 Besuchern schon Angst und Bange um Leib und Leben werden konnte.
Die Politik bedauert - und geht zur Tagesordnung über
Doch nur zu allgegenwärtig ist die Vergangenheitsform hinterm Hauptbahnhof. Wer kämpft kann verlieren, aber wer zu spät (in die Gänge) kommt, den bestraft nunmal die Stadtverwaltung, jene Veranwortliche der Wohnungs- und Gebäudewirtschaft, all diejenigen, die sich in allererster Linie um Vermarktungsinteressen für städtische Grundstücke sorgen. Aus den roten und grünen Lagern im Rathaus bleibt der Ex-Steffi wohl nicht mehr als ein kurzes "Bedauern der Entwicklungen". Die Tagesordnung wird schon bald wieder rufen.
Aber es ist mitnichten der richtige Zeitpunkt für Was-wäre-wenn-Diskussionen und schon gar nicht für neunmalkluge Besserwisserei oder Schuldzuweisungen im Nachhinein. Die Ex-Steffi ist geräumt, und das ist ein herber Verlust: für die Szene, für Karlsruhe, für die Region, für die Menschen. Denn linke Subkultur hat ihre Daseinsberechtigung - in der Kußmaulstraße oder sonstwo. Daran ändert auch eine amtliche Räumung nichts.Labels: Kommentar
Inhalt gegen Öffentlichkeit. So lautet der simple Deal im tagtäglichen Ränkespiel zwischen Journalismus und PR. Doch bizarr mutet es mitunter an, was sich manch Künstler herausnimmt. Oder treffender gesagt: meint herausnehmen zu können. Beiße nie die Hand, die dich füttert. Was jedes Lebewesen der Gattung Canis Lupus Familiaris instinktiv verinnerlicht hat, scheinen immer öfter gerade diejenigen zu vergessen, die noch lange nicht genügend Fleisch auf den Rippen haben. Der Optik ungeachtet ist das auch beim Alpen-Castingshow-Gewächs Christina Stürmer nicht anders. Klarer (Un-)Fall von akuter "Starmania".Gerade startete die 23-Jährige ihre Debüt-Tournee durch deutsche Lande, eines der ersten Domizile: Die Durlacher Festhalle. Auch ka-news war als Medienpartner dabei, für "sein" Konzert fleißig die Promotrommel zu rühren. 17 Uhr, Interview-Termin mit Frau Stürmer. Doch noch.
Der Journalist in der Rolle des unmündigen Erfüllungsgehilfen?
Denn die "Rote Liste", welche im Vorfeld via E-Mail die Redaktion erreichte, war nur mit viel Zähneknirschen zu akzeptieren: Keine Fragen über die (offenbar vom Major-Label Universal hierzulande nicht mehr gern gesehene) Casting-Vergangenheit! Und bitteschön keine Fragen darüber, ob denn die "Alpen-Christl" ihr Liedgut selbst textet! So lautete die bedingungslose Doktrin des Managements. Vor Ort wollen die Ärgernisse jedoch kein Ende nehmen: Obwohl im Vorfeld ein Vier-Augen-Gespräch vereinbart war, der Fragenkatalog demnach auf die Frontfrau ausgerichtet, hatte sich das Sternchen kurzfristig in den Kopf gesetzt, dass sie nichts und das Kollektiv fortan alles ist.
Tourmanagerin Cosima von der betreuenden Agentur Berit Bönisch Consulting lässt unmittelbar vor dem Zusammentreffen von Frager und Befragter lapidar wissen, "dass Christina ab sofort nur noch mit der Band zu haben" sei. Schließlich hieße es ja auch Christina Stürmer und Band. Spielregeln sind an sich eine feine Sache - sofern man sie vor Anpfiff kundtut. "Dein Problem. Da steht ein Laptop und ein Drucker. Lass dir was einfallen, ich hol dich in fünf Minuten wieder ab." Der Journalist endgültig in der Rolle des unmündigen Erfüllungsgehilfen?
Frag, was wir wollen, "sonst kriegst du keine lockere Christina und somit auch keine guten Antworten." O-Ton der Managerin. Versprechen oder Drohung? Egal, denn viel dahinter scheint im Falle von Christina Stürmer ohnehin nicht zu sein: Wer offensichtlich meint, sich ein halbes Jahr nach einer halbwegs erfolgreichen und auch halbwegs gelungenen Debüt-Platte vom gehypten Sternchen zum selbstverliebten Star krönen zu können, die vom Presserummel ach so genervte Diva raushängen zu lassen, um im Gegenzug selbst auf die dankbarsten Fragen und Stichworteinwürfe nur eine ebenso heiße wie inhaltsleere Luftblase von sich zu geben, wird nur schwer vom Image des fremdgesteuerten Casting-Häschens loskommen. Deutsch und österreichisch basieren zwar auf demselben Wortschatz, doch offenbar gibt es zwischen Label und Künstlerin in diesem Punkt doch einige Sprachschwierigkeiten: Im Gegensatz zum heimischen at-Auftritt erwähnt die deutsche Website die vier Musiker der "Und Band" nämlich mit keinem Wort.
Mutter, der Mann mit dem Koks ist da...
Dass es selbst der Kettenhund in Person von Tourmanagerin Cosima nicht besser weiß, in welcher Liga ihr verhuschter Schützling spielt, ist allerdings schon beinahe grotesk. Obgleich die folgende beschämende Begebenheit zu jenem Zeitpunkt schon fast nicht mehr von Belang war, wurden hernach allen Ernstes noch die bereits akkreditierten Fotografen zum "Vorstellungsgespräch" zitiert, um entscheiden zu können, wer aufgrund von Medium und zugehöriger Auflage für würdig (oder besser brauchbar) befunden wird, wer sein Bild bekommt und wer nicht. Am besten klebe man sich im Falle eines Zuschlags den Fotopass quer über die Stirn, denn "Christina möchte von der Bühne aus sehen können", ob der Mann am Drücker auch legitimiert ist, ihr Antlitz für die Nachwelt festzuhalten.
Genommen wird nach wie vor noch gerne. Wenn Frau Stürmer allerdings weiterhin so grob foul spielt, ist auch das nicht mehr von Belang. Wer sich - wohlgemerkt als Newcomer mit allen Chancen auf einen Musik-Bizz-Pauschaltrip inklusive Rückfahrschein - selbst unbedrängt mit hochgezogenem Näschen ins Abseits stellt, erhöht schneller als ihm lieb sein dürfte den Schicksalszähler der Casting-Generation um eins nach oben; wenngleich Buchhändlerin schließlich auch ein sehr erfüllender Job sein kann. Nein, hier ist ganz offensichtlich jemand der schnelle Ruhm zu Köpfchen gestiegen: Größter österreichischer Popstar seit Falco? Mutter, der Mann mit dem Koks ist da...
PR und Journalismus spazieren Hand in Hand durch den Blätterwald
Da hilft denn auch die späte Einsicht der Managerin, "dass man eben noch unerfahren und Karlsruhe einer der ersten Termine im Tourkalender" sei, nichts. Im Gegenteil: Arrogantes Auftreten mit - Zitat - "Unsicherheit und Unerfahrenheit" zu entschuldigen, ist im besten Falle noch ein Armutszeugnis. Zuteil wird der Alpen-Christl allenfalls noch die Gnade der späten Geburt, schließlich ist sie erst Jahrgang '82. Apropos: "Wir haben Anfang der 80er Jahre gegen Pershings demonstriert. Wer demonstriert denn heute gegen Castings? Gegen diese ganzen singenden uninteressanten 'Ferrero Küsschen'-Wichser?" Da braucht es erst einen Comedian wie Michael Mittermeier, um es auf den Punkt zu bringen. Denn aus der Angst heraus, es sich zu verscherzen, wehren sich nach wie vor die Wenigsten in der Branche gegen die wachsende Willkür.
An dieser Stelle einen hehren Appell an die schöne Idee von der Pressefreiheit auszurufen, ist freilich reichlich lachhaft. Längst spazieren PR und Journalismus Hand in Hand durch den Blätterwald, sind aufeinander angewiesen, ist letzterer überspitzt gesagt nurmehr ein bloßes Rädchen im System, lässt sich als Verlautbarungsorgan instrumentalisieren. Jeder von uns tut das Tag für Tag, mal bewusst, dann wieder unbewusst, der eine mehr, der andere weniger. Und doch: Jeder tut es - ganz gleich ob er sich das nun eingestehen mag oder nicht. Gerade im lokalen Geklüngel tritt man sich möglichst nicht unnötig auf die Füße. Haus und Hof stehen sperrangelweit offen. Der Journalist also doch in der Rolle des Erfüllungsgehilfen? Vielleicht.
Aber immerhin eines mündigen, der auch mal freundlich aber bestimmt "Nein, danke!" sagen darf. Doch viel zu selten begehrt der Promotionshelfer auf, lässt sich stattdessen in den Status einer billigen Public Relations-Hure drängen; und immer mehr versucht die Gegenseite die Arbeit der Journalisten nach ihrem Gutdünken zu beeinflussen, zu manipulieren, zu kontrollieren. Denn das Gehabe von Christina Stürmer und ihrer für diesen Abend zur Seite gestellten Betreuerin - pardon: die "Und Band" nicht zu vergessen - ist leider langsam weit mehr als der bedauernswerte Einzelfall.
"Ein bizarres Embargo gegen die Kritik"
Auch abseits der programmierten Träller-Marionetten wird emsig versucht, Berichterstattung über vermeintlich begehrenswerte Produkte zu steuern. Beispiele für die teils schon unverschämten Auswüchse gibt es zuhauf: Sei es nun Christina Stürmer, die sich am liebsten selbst befragen würde, Künstler wie die Toten Hosen, welche mit Vehemenz aufs Recht am eigenen Bild pochen und vor dem Gang in den Fotograben seitenweise einklagbares Vertragswerk unterzeichnen lassen oder Gangsta-Rapper 50 Cent, der bei seinem einzigen Konzert in Süddeutschland vor wenigen Tagen die Fotografen gleich ganz umsonst ihre Aufwartung machen lässt.
Den Blattschuss auf dem Jahrmarkt der Dreistigkeiten verbucht seit kurzem aber unangefochten Kinoverleiher UIP, der sich zum ersten Mal in der Film-Geschichte von den bei Pressevorführungen - auf welchen Leibesvisitationen und Nachtsichtgerätschaft längst zum Standardrepertoire gehören - anwesenden Journalisten schriftlich zusichern ließ, dass vor dem Weltstart von Steven Spielbergs halbgarem Untergangsepos "Krieg der Welten" nicht berichtet wird. "Ein bizarres Embargo gegen die Kritik." Lars-Olav Beier hat mit seinem "Spiegel"-Artikel "Notstand im Kinosaal" als einer der ganz wenigen angemessen auf den längst überbordenden Kontrollwahn der PR-Maschinerie reagiert.
Dass die feilgebotenen Produkte nach deren Dafürhalten im bestmöglichen Licht stehen sollen, ist verständlich und legitim. Ja, unverzichtbar sind die Damen und Herren der zuarbeitenden Abteilung "Externe Kommunikation" für unsereins. Gerade in diesen schlechten Zeiten, da die Redaktionen allerorten ohnehin hoffnungslos unterbesetzt sind. Und auch in den besseren geht es nunmal nicht ohne jene jederzeit gern genommenen Informationszuspieler von außen, die doch im Grunde alle nur das eine wollen. Die Mittel jedoch, mit denen die Öffentlichkeitsarbeiter ihre Interessen auf der anderen Seite des Schreibtisches durchzusetzen versuchen, sind keinesfalls mehr gerechtfertigt. Erst recht nicht, wenn es sich um dröge Durchschnittsware bis hin zum Ramsch handelt.
Beiße nie die Hand, die dich füttert. Wie man elegant zurückschnappt, hat Lars-Olav Beier vorgemacht. Vor dem traurigen Hintergrund jener Binsenweisheit, dass selbst die negativste Promotion immer noch Promotion ist - da macht der "Fall Christina Stürmer" leider keine Ausnahme - ginge es allerdings sogar noch eine Spur stilvoller: Und zwar mit der nicht erst seit Sven Regeners Kultroman bewährten "Herr Lehmann"-Methode. Schließlich ist (bislang noch) keiner zum Berichten gezwungen. Also, mit Verlaub: Scheiß der Hund drauf!Labels: Kommentar