indiskretion ehrensache

angeschaut und abgehört von patrick wurster

12. Dezember 2006

Weblogs im Online-Journalismus: Neue Potenziale durch Hypertextualität und Community-Building

"Are Weblogs Journalism?" wird auf poynteronline.org, einem amerikanischen Journalismus-Portal, gefragt und die Antwort selbst gegeben: "Wrong question. [...] Can Journalists be Webloggers is the more important question." Schließlich verdankt die neue Online-Publikations- und Kommunikationsform Weblog ihren Durchbruch ursprünglich einer neuen Art von Bürger-Journalismus, entstanden als Reaktion auf vermeintliche Mediendefizite.

"Don't hate the media, become the media", wie es der Musiker Jello Biafra formulierte. Und dennoch verschwimmen die Grenzen zusehends: Weblogs werden von immer mehr traditionellen Massenmedien, vornehmlich aus dem Print-Sektor, ins Online-Angebot integriert: Angefangen im Jahr 2003 bei der Wochenzeitung "Die Zeit", welche als erstes deutschsprachiges Medium zu Bloggen begann, bis zur Tageszeitung "Taz", die im zweiten Halbjahr 2006 ihren Internet-Auftritt um ein Weblog-Angebot erweitert hat.

Pragmatisch gesehen sind Journalisten also Blogger, sobald sie die neue Publikationsform einsetzen. Eine Integration in redaktionelle Websites des bloßen Trends wegen wird dem Phänomen aber nicht gerecht. Bergen Weblogs doch das Potenzial, festgefahrene Strukturen im Online-Journalismus aufzubrechen und sich der eigentlichen Stärken des Web zu besinnen: einer offenen Anwendung des Hypertext-Prinzips und dem Generieren von virtuellen Gemeinschaften.

Denn die Sites der traditionellen Massenmedien sind im Laufe der ersten Dekade Online-Journalismus "zu Inseln geworden, zu klassischen Medienprodukten, die sich dadurch auszeichnen, dass sie in sich geschlossen sind" und diese Praktik produziert permanent "Fremdkörper [...], die bei all ihrer Problematik schon irgendwie funktionieren, letztlich aber immer entbehrlich sind," wie der Wissenschaftsjournalist Christian Eigner feststellt. Die Integration von Weblogs in die Sites etablierter Medien könnte den Anfang der Abkehr von Insel-Produkt-Logik und traditionellem Rollenverständnis eines Journalisten im Netz bedeuten; weg vom einseitig belehrenden Frontal-Journalismus hin zum verstärkten Dialog mit dem User wie ihn Neuberger einfordert und hin zu jener verloren gegangenen Offenheit des Hypertext-Prinzips, welches heute meist nur noch dazu dient, die jeweiligen Seiten des eigenen Mediums zu verbinden.

Die mit Blogs vollzogene Rückbesinnung auf das ureigenste Spezifikum des Web lässt ein Oszillationsmedium entstehen, "mit dem auch das Hypertext-Prinzip neu bestimmt wird: Nämlich nicht mehr als (wissenschaftlicher) Modus, der nette Querverweise (und eine zahme Hypertextualität) hervorbringt, sondern als medienproduzierende Kraft, deren hypertextuelle Erzeugnisse erste zufrieden stellende Antworten auf die Frage geben, was Medienproduktion im Internet eigentlich heißen soll", so Eigner. Durch die einhergehende Entgrenzung von öffentlicher und interpersonaler Kommunikation ist das vormals stumme Publikum zu Zeiten des Web 2.0 in den publizistischen Prozess eingebunden: Die ehemals Passiven werden Aktive, Empfänger zu Teilnehmern, aus dem Abruf- wird ein Mitmachmedium. Daher müsse sich Journalismus, so die Kernthese des amerikanischen Journalisten Dan Gillmor, zwangsläufig vom Vortragsmodell lösen und zum Gespräch werden.

Weblogs können den traditionellen Massenmedien im Netz nicht nur dabei helfen, mit diesem Strukturwandel Schritt zu halten. Denn das Medium ist mehr denn je die Botschaft. Das Wesentliche, das Gesellschaftsverändernde eines Weblogs liegt in seiner Form begründet und weniger im übermittelten Inhalt: Linkintensive Einträge und eine ausgeprägte Dialoglastigkeit mit der websiteübergreifenden Möglichkeit zu kommentieren, tragen in letzter Konsequenz dem Community-Gedanken Rechnung. Mit der Aufnahme von Weblogs ins Portfolio der traditionellen Online-Medien ist der Spatenstich zu "Globalen Dörfern" gesetzt, die trotz aller Offenheit den User langfristig an die Publikation binden können.


Ziele der Arbeit
Obwohl die Zahl der Weblogs weltweit rasant zunimmt, wurden im deutschsprachigen Raum bisher nur vereinzelt wissenschaftliche Abhandlungen veröffentlicht. Die wenigen Arbeiten zum Themenkomplex Weblogs setzen sich entweder mit dem strukturellen Wandel von Öffentlichkeit auseinander (Fikisz 2004) oder machen aus der Akteursperspektive die Rollen von Weblogs und Journalismus zum Untersuchungsgegenstand (Armborst 2006, Schmidt 2006).

Mit der Diplomarbeit "Weblogs im Online-Journalismus: Neue Potenziale durch Hypertextualität und Community-Building", geschrieben am Fachgebiet Kommunikationswissenschaft und Journalistik der Universität Hohenheim, wird unter Zusammenführung von Journalistik, Kommunikationswissenschaft, Web-, und der noch jungen Weblog-Forschung gezeigt, dass redaktionell geführte Weblogs mit ihren beiden großen Stärken - einer offenen Anwendung des Hypertext-Prinzips und dem Generieren von virtuellen Gemeinschaften - ideale Voraussetzungen bieten, um User zu binden. Somit können sie im Rahmen von Crossmedia-Strategien einen Beitrag für die gesamte jeweilige Online-Publikation leisten. Darüber hinaus profitieren auch die bloggenden Journalisten, im Folgenden Blogalisten genannt, in vielfacher Weise von der neuen Publikationsform. Dazu müssen sich (online-)journalistische Berufsverständnisse an die neuen Gegebenheiten anpassen.

Mittels teilstandardisierter, leitfadengestützter Experteninterviews mit Online-Redaktionsleitern und Journalisten in Deutschland ansässiger, überregionaler Print-Medien, die bereits mit dem neuen Format in ihren Web-Angeboten arbeiten "Die Welt", "Die Zeit", das "Handelsblatt", die "Financial Times Deutschland", die "Frankfurter Rundschau" und die "Süddeutsche Zeitung"), entsteht schließlich ein Stimmungsbild; dieses zeigt sowohl die publizistischen Strategien und verfolgten Motive der Weblog-Integration aus Sicht der verantwortlichen Redaktionsleiter als auch den praktischen Umgang der Blogalisten mit den Potenzialen der neuen Publikationsform; ohne dass hierbei aufgrund der angewandten qualitativen Methoden Anspruch auf verallgemeinerbare Ergebnisse erhoben werden kann.


Aufbau der Arbeit
Zu Beginn werden die Entwicklungen der ersten Dekade Online-Journalismus nachvollzogen. Die von den Verlagen verfolgten Crossmedia-Strategien und die sich mit Etablierung des Web neu ausrichtenden online-journalistischen Rollenbilder geben die Rahmenbedingungen für die Integration von Weblogs in die Websites der traditionellen Medien vor.

Ein weiterer Abschnitt widmet sich den bislang herausgebildeten webspezifischen Darstellungsformen (Kapitel 2). Im Anschluss an diese Zusammenschau wird die neue Gegenöffentlichkeit Weblog eingeführt. Einer Einordnung des Begriffs und seiner wesentlichen Funktionalitäten, einhergehend mit einem historischen Abriss der Evolution des Formates, folgt eine Abgrenzung der beiden Selbstverständnisse Blogger und Journalist, die aber auch Schnittmengen zutage fördert. Im Anschluss werden die beiden maßgeblichen Stärken von Weblogs herausgearbeitet: eine offene Anwendung des Hypertext-Prinzips und der interaktive Dialog mit dem User als Voraussetzungen für erfolgreiches Communitiy-Building (Kapitel 3).

Nach einer Vorstellung der in Deutschland ansässigen, überregionalen Tages- und Wochenzeitungen, welche bereits mit dem neuen Format innerhalb ihrer Web-Angebote arbeiten, wird untersucht, wo die neue Publikationsform Weblog innerhalb der journalistischen Genrelehre einzuordnen ist. Aus den beiden Charakteristika Journalist und Blogger leitet sich die Rollenausprägung des Blogalisten, des redaktionell bloggenden Journalisten, ab. Einer Erörterung der unmittelbaren und mittelbaren Effekte offener Hypertext-Anwendung im Zusammenspiel mit Community-Building auf die Angebote bloggender Massenmedien (Kapitel 4) schließt sich die empirische Untersuchung an (Kapitel 5).


Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Können Journalisten Weblogger sein?
1.2 Ziele der Arbeit
1.3 Aufbau der Arbeit

2 Eine Dekade Online-Journalismus
2.1 Das Medium war die Botschaft
2.2 Crossmedia als publizistische Strategie
2.3 Eine Profession zwischen Schleusenwärter und Reisebegleiter
2.4 Vom Print-Duplikat zum Hypermedia-Patchwork

3 Weblogs - die neue Gegenöffentlichkeit
3.1 Am Anfang war das Tagebuch
3.2 We Blog! What Do We Do?
3.3 Zwei Schlüssel fürs globale Dorf
3.3.1 Die Inkarnation des Hypertexts
3.3.2 Community-Building oder die soziale Rückeroberung des Netzes

4 Blog trifft Journalismus
4.1 Weblogs im Online-Angebot deutscher Tages- und Wochenzeitungen
4.2 Zwischen Insel- und Oszillationsmedium
4.2.1 Das journalistische Blog - ein neues Web-Genre?
4.2.2 Der Blogalist
4.2.3 Leser-Blatt- via User-Blog-Bindung

5 Empirischer Teil
5.1 Forschungs-Design
5.1.1 Methodik
5.1.2 Auswahl der Interviewpartner
5.2 Ergebnisse und Diskussion
5.2.1 Publizistische Strategie
5.2.2 Weblogs als Publikationsorgan
5.2.3 Weblogs als Kommunikationsorgan
5.2.4 Rollenverständnisse
5.2.5 Weblogs als Bindungsinstrument

6 Fazit

Labels:

1. November 2003

Screen-Design im Online-Journalismus und seine Abgrenzung zu den Printmedien

Nachdem die Schweriner Volkszeitung Mitte der 1990er als erste deutsche Tageszeitung den Weg ins World Wide Web gefunden hat, folgten ihr in den vergangenen Jahren nahezu alle großen Verlage aus den verschiedensten strategischen Zielsetzungen heraus mit ihren Publikationen nach. Neben den digitalen Print-Ablegern konkurrieren vermehrt auch reine Netzanbieter um die Gunst der User.

Diese Ausgangslage nimmt die vorliegende Diplomarbeit "Screen-Design im Online-Journalismus" - geschrieben im Fach "Digitales Informationsdesign" an der Hochschule der Medien (HdM) Stuttgart - zum Anlass, Vorzüge wie Nachteile des Web als journalistisches Medium in Abgrenzung zu den Printmedien aufzuzeigen.

Es bestehen erhebliche Unterschiede bei der Rezeption beider Formate, weshalb das digitale Publizieren einer gesonderten Art der Informationsaufbereitung und ihrer Präsentation bedarf. Vom Interface über den Content bis hin zu den sich entwickelnden webspezifischen Hypermedia-Erzählformen werden die Elemente eines mediengerechten Screen-Designs erörtert und mit Beispielen belegt.

Im Einzelnen herangezogen werden die Online-Ausgaben der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", der "Badischen Zeitung", der "Bild"-Zeitung sowie des Nachrichtenmagazins "Der Spiegel". Neben der selbstgemachten digitalen Konkurrenz buhlen vermehrt auch reine Netzanbieter um die Gunst der User. Einbezogen werden darum auch zwei Publikationen ohne Print-Pendant; zum einen die "Netzeitung" als Deutschlands erste überregionale Tageszeitung im Netz, sowie das Karlsruher Nachrichtenmagazin ka-news als Vertreter der lokal und regional ausgerichteten Online-Zeitungen. Somit zeigt die vorliegende Arbeit auf, welche Möglichkeiten ein hypermediales und interaktives Web dem Journalismus des 21. Jahrhunderts zu offerieren vermag.


Inhaltsverzeichnis

1 Journalismus trifft Internet

2 Print versus Online
2.1 Vom Blattmachen zum Site-Layout
2.2 Potentiale eines Online-Mediums
2.2.1 Nonlineare Rezeption durch Hypertext und Hypermedia
2.2.2 Permanente Aktualisierung und dauerhafte Speicherung
2.2.3 Globales und kostengünstiges Publizieren
2.2.4 Selektivität und Interaktivität

3 Screen-Design als Schnittstelle zum User

3.1 Einordnung des Screen-Design-Begriffs
3.2 Screen-Layout und Interface-Design
3.2.1 Seitenaufbau journalistischer Online-Medien
3.2.2 Bildschirm-Typografie
3.2.3 Die Beeinflussung der Rezeption durch Farben
3.2.4 Navigation und Orientierung wider dem "Lost in Hyperspace"
3.2.4.1 Das Scroll-Dilemma
3.2.4.2 Navigationsleisten, Sitemaps und Suchmaschinen zur Unterstützung des Selektionsprozesses
3.3 Content-Design
3.3.1 Text-Gestaltung im Online-Journalismus
3.3.1.1 Lesen von Bildschirmtexten
3.3.1.2 Schreiben von Bildschirmtexten im Inverted Pyramid Style
3.3.1.3 Die Überschrift - eine Nachricht über der Nachricht
3.3.1.4 Texteinstieg mit Teaser und Lead
3.3.1.5 Wortschatz, Satzbau und Stil

3.3.2 Fotografien und grafische Elemente
3.3.2.1 Funktion und Aufbereitung von Fotografien
3.3.2.2 Werbebanner - das digitale Pendant der Anzeigenwerbung
3.3.3 Audio, Video und Animation
3.4 Motivation durch Interaktion
3.5 Hypermediale Erzählformen
3.5.1 Der Content-Lebenszyklus
3.5.2 Mehrwert und Transparenz durch Hyperlinks
3.5.3 Vom Print-Duplikat zum Hypermedia-Patchwork

4 Online-Journalismus - der bessere Journalismus?

Labels: